Es ist Mitte-Ende September

Zwei Uhr nachts sitze ich in meiner Einraumwohnung, höre das Surren meines alten, vom Vormieter abgekauften Backofens, hier, mitten in Berlin. »Gilmore Girls«-Folgen liefen die letzten Stunden im Hintergrund und ich bin nach langer Zeit wirklich zufrieden. Endlos zufrieden.

Die ersten zwei Wochen hier sind rum und besser hätte ich sie mir kaum vorstellen können. Ich bekam mehrmals Besuch von großartigen Menschen, habe einen davon rund um die Uhr sogar hier und nur einmal, ganz kurz, ein gewisses Gefühl des Verlorenseins, das schnell wieder verschwand, als sich der nächste Besuch ankündigte.

Meine Vorkurse neigen sich dem Ende zu und bisher bereue ich meine Wahl noch nicht, auch wenn es mir noch schwerfällt, meine Gedanken in Codezeilen umzuformen.

Und weil alles viel zu glatt läuft, habe ich heute meine EC-Karte verloren, ohne es zu bemerken. Beim Einkauf fiel es mir auf, wie wild aber bereits resigniert durchwühlte ich zu Hause meine Handtasche – natürlich nichts. Das letzte Mal benutzte ich sie gestern Abend zum Ticketkauf (ärgerlicherweise gilt mein Semesterticket noch nicht) und an mehr kann ich mich nicht erinnern. Klugerweise hob ich letztens noch einen größeren Betrag ab, um diesen nicht auszugeben. Das wird jetzt zwar wohl nichts, aber zumindest stehe ich nicht ohne Geld da. Denn noch muss ich meine Fahrtickets noch selbst bezahlen. Na ja, und essen. Die Karte ließ ich auch gleich entsperren. Da ich nächste Woche sowieso nochmal zu Hause bin, werde ich eine neue beantragen. Kein großes Ding zum Glück. Den Drang, mich tierisch darüber aufzuregen, hatte ich dennoch, obwohl ich wusste, dass sich das Problem leicht lösen lässt. Wer muss, der muss anscheinend.

Nächsten Monat fängt das Studium dann richtig an und ich habe bereits meinen Stundenplan erhalten. Montags 8 Uhr die erste Veranstaltung und ich glaube, dass soll ein bisschen ausgleichend für all das Glück, das mir bisher widerfuhr, wirken. Auch wenn ich mir seit der 1. Klasse nichts sehnlicher wünsche, als einfach ausschlafen zu können. Und wenn ich dafür länger bleiben muss.

Ich bin gespannt, wie der Uni-Alltag wird. Derzeit lese ich Artikel über Studierende, die vor ihren letzten Prüfungsversuchen standen. Das motiviert. Ungeheuer. Ein wenig. Nicht. Ich bin also sehr optimistisch gestimmt, was das angeht.

Es ist Ende August

Es ist Ende August. Vor über einem Monat waren meine Eltern und ich in Rom und Wien; Urlaub machen sozusagen. Dabei habe ich erkannt, dass mein Großes Latinum wirklich nichts mehr wert ist und ich außer den üblichen Vokabeln keinen eingemeißelten Satz verstehe. Dabei wäre das nun wirklich eine Chance gewesen, zumindest irgendwas aus dem Lateinunterricht im praktischen Leben anwenden zu können. Dafür habe ich mich wieder an Kunstmuseen herangetastet, denen ich vorher kaum Aufmerksamkeit schenkte. Vor allem rückten dabei Videoinstallationen in meinen Fokus – neben der Moderne wohlgemerkt. Erst ab dem Ende des 19. Jahrhundert wird es nämlich für mich wirklich interessant. So lief ich auch ganz aufgeregt durch das Albertina Museum in Wien, verlor auf der Suche nach einem Schließfach fast meine Eintrittskarte, ehe ich überhaupt in die Ausstellungsbereiche trat, und notierte mir eifrig die vielen Gemälde samt Künstler•innen, bevor das Museum schon wieder schloss. Ich hatte nämlich nur noch 1 1/2 Stunden Zeit, als ich ankam. Meine Eltern schickte ich derweil zum Shoppen.

Ansonsten gibt es Neuigkeiten bezüglich des Studiums: Es hat alles geklappt! Nach dem Zulassungsangebot für Angewandte Informatik sagte ich sofort zu, füllte den Immatrikulationsantrag aus, holte den Versicherungsschein von der Krankenkasse, überwies den Semesterbeitrag und bin nun offiziell immatrikuliert. Bereits in einer Woche fange ich mit Vorkursen in Mathe und Programmieren an und werde hoffentlich meine Wahl nicht bereuen. Tatsächlich freue ich mich schon irgendwie auf den Mathevorkurs. Dabei habe ich in abgesehen von einem kurzen Erfolgserlebnis in der Grundschule bei sämtlichen Matheolympiaden kläglich versagt, aber vielleicht fehlt es mir einfach, dieses ganze Wissen über einfachste Grundrechenregeln irgendwo anwenden zu können. Die letzten Abende schaute ich vor dem Schlafengehen noch YT-Videos von Loviscach, die ich jeder•m empfehlen kann, die•r noch Bedarf in seinen Mathekenntnissen hat.

Die kommende Woche werde ich nun mit Packen verbringen – auch wenn ich gar nicht weiß, ob wir überhaupt alles ins Auto bekommen. Dann folgen noch die wirklich letzten Male Hausaufgabenhilfe und natürlich auch kellnern. Kaum zu glauben, wie schnell 6 Monate rum sein können.

Abgesehen davon – fast vergessen – bin ich 20 geworden. Nachdem ich mich sonst all die Jahre weigerte, älter zu werden, nahm ich es dieses Jahr weitaus gelassener hin und war sogar bereits Monate zuvor der Meinung, schon 20 zu sein. Das Wochenende verbrachte ich mit 14 liebevollen Freund*innen und wahrscheinlich hatte ich noch nie so einen glücklichen Geburtstag.

Das schöne an dem Datum ist vor allem, dass mit dem Abschließen und Beginn eines Alters auch ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ob Eintritt in die Grundschule, aufs Gymnasium, ins neue Schuljahr, nach dem Abi, vor dem Studium – es ist ein guter Moment, um das Jahr kurz Resümee passieren zu lassen. Das habe ich gemacht. Und es war ein gutes Jahr.

Es ist fast Ende Juni

Nachdem ich im April mit der Hausaufgabenhilfe anfing, integrierte sich diese zu einem festen Bestandteil meines Alltags. Woche um Woche, von Dienstag bis Donnerstag, 13-15 Uhr. Mittlerweile neigt sie sich einem Ende zu, da nächste Woche die Sommerferien beginnen. Ansonsten fuhr ich im Mai dreimal nach Berlin, um mir potenzielle Hochschulen anzuschauen. Und weil Kati so schön vom Scheitern schrieb, weihe ich euch nun doch in meine Pläne ein, auch wenn es schiefgehen könnte.

Wichtig ist, dass wir dringend eine Kultur des Scheiterns etablieren sollten, in der Rückschläge kein Tabu sind, sondern ein Gesprächsthema, das nicht mit Scham behaftet ist.

Kati | kleinerdrei.org, 20. Juni 2016

Auch wenn es bei mir erst einmal lediglich um die Angst vorm Scheitern geht, überlegte ich doch etwas länger, hiervon zu berichten. Ich möchte nämlich Informatik studieren. Dieser Plan geht mir schon seit mindestens zwei Jahren durch den Kopf, obwohl ich weder programmiere noch Informatik als Unterrichtsfach hatte. Im Grunde würde ich schon demütig behaupten, dass ich keine Ahnung habe. Wenn Leute mich fragen, was ich nun studieren will und ich „Informatik“ antworte, schauen sie mich meist überrascht an. Leute, die mich etwas kennen, entgegnen mir, dass sie damit nicht gerechnet hätten. Das kann ich verstehen, zeigte ich in der Vergangenheit schließlich keinerlei Ambitionen in dieser Richtung. Ebenso ist mir bewusst, dass Informatik sehr, sehr hart sein kann. Dass ich in der Schule mit Mathe zu Teilen sehr gut klarkam, muss nichts bedeuten. Ich möchte es aber zumindest versucht haben. Es ist mir nämlich nahezu unbegreiflich, wie ich den Großteil meines Lebens vor Computern verbracht habe, ohne sie wirklich zu verstehen. Und ich möchte mich mit diesem Feld beschäftigen, weil es eines ist, welches fast unberührt von mir blieb, obwohl es mich interessiert, und ebenso viel Einfluss auf unsere Gesellschaft hat. Einer der wichtigsten Gründe für meine Wahl ist jedoch ein ganz anderer: Ich glaube, dass ich mit einem Informatikstudium lerntechnisch besser zurechtkomme als mit einem anderen. So sehr mich Geistes- und Gesellschaftswissenschaften auch interessieren, komme ich einfach nicht mit dem Berg an Texten klar. Ob es nur um das Lesen von seitenlangen Texten, das Schreiben von Hausarbeiten oder um das (meist stupide) Auswendiglernen geht – bereits in der Schule quälte ich mich damit rum, verlor die Lust am Lernen von Neuem und war schlicht und einfach überfordert mit zu kurzen Deadlines für mein Auffassungsvermögen kombiniert mit Faulheit und Prokrastination. Ähnliches wird mir sicherlich auch in einem Informatikstudium begegnen, allerdings nicht in solchem Umfang. Denn Verstehen lernen mache ich wiederum sehr gerne. Ich liebe es, mich hinzusetzen und zu überlegen, wie ich einen Sachverhalt für mich logisch nachvollziehen kann. Ich liebe es, stundenlang über ein und dasselbe Problem nachzudenken oder vielmehr: Ich liebe das Gefühl, eine Lösung für dieses Problem gefunden zu haben, egal wie klein und banal es letztendlich war und ich dann facepalmend schließlich da sitze. Konzepte, Strukturen und Systeme faszinieren mich und ich brauche die Anwendung dieser Dinge. Schlussendlich glaube ich eben, das alles eher in einem Informatikstudium wiederzufinden. Es wird hart werden, erst recht weil ich nicht programmieren kann und dieses Verstehenlernen teilweise schwerer ist als es auswendig zu lernen, aber ich habe das Gefühl, einen größeren Mehrwert daraus schöpfen zu können. Das ist mein derzeitiger Stand. Die Bewerbungen habe ich gleich am 1. Juni kurz nach Mitternacht rausgeschickt, mein Favorit wäre die HTW Berlin mit Angewandter Informatik, da ich gerne praxisorientiert lernen würde, aber mal schauen, ob es was wird. Mein Schnitt sollte zumindest dann für das Nachrückverfahren ausreichen, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Ansonsten bewarb ich mich ebenso für Wirtschaftsinformatik, Internationale Medieninformatik (beides ebenfalls an der HTW Berlin) und Informatik an der Humboldt-Universität. Sollte alles nicht klappen, kann ich mich noch immer für Informatik an der Freien Universität einschreiben.

Sollten die Informatik und ich keine Freunde werden, bleibt mir noch mein Plan B: Bildungs- und Erziehungswissenschaften, wo sich dann all die Punkte wiederfinden, die ich oben aufzählte. Da muss ich dann wohl durch, wenn sich nichts anderes ergibt. Angesichts meines Interesses an der Bildungspolitik würde ich es so oder so nämlich gerne noch danach™ studieren.

Der Juni zeichnete sich ansonsten dadurch aus, dass einerseits meine Haare plötzlich wieder kurz sind (im Sinne von kürzer als schulterlang) und ich eine Wohnung habe. Letzteres ging so unglaublich schnell und ich hatte einfach unfassbar viel Glück und Pivilegien dabei. Der Mietvertrag beginnt schon nächsten Juli, aber da muss ich finanziell durch. Immerhin muss ich nicht im August, wenn die Zulassungsbescheide erst verschickt werden, auf dem Wohnungsmarkt mit allen anderen Studienbeginnern konkurrieren. Und das ist einfach ein unfassbares Privileg.

Es ist April

Es ist April und zwischen dem letzten Beitrag und diesem sind fast drei Monate vergangen. In diesen drei Monaten ist so viel passiert, dass ich es nicht einmal schaffte, sie in meinem Tagebuch festzuhalten, obwohl ich es später wohl bereuen werde. Daher ein kurzer Abriss dieser Zeit:

Nach dem letzten Eintrag flogen wir nach Vietnam und Singapur.

Die zwei Wochen Urlaub mit meiner Familie, vor allem der erste Urlaub gemeinsam seit zehn Jahren, waren eindeutig zwei meiner liebsten Wochen in meinem bisherigen überschaubarem Leben. Insbesondere die Tage, die wir nur zu viert – Mama, Papa, M. und ich – verbrachten, waren so glückserfüllend, dass ich mir wünschte, diese Tage anhalten und bitte so verbleiben zu können. (ello)

Ich traf daraufhin spontan eine schwierige Entscheidung: mein FSJ vorzeitig zu beenden und meinen Eltern im Restaurant auszuhelfen. Februar verging schnell und ehe ich mich versah, brachte ich Kuchen mit zur Arbeit und verabschiedete mich von allen.

Zu Hause angekommen gleich zu Freunden gefahren, eine Pyjama-Party veranstaltet, also im kleinen, ofenbeheiztem Partyraum Tabu spielen und erzählen und gegen 6 Uhr morgens dann einschlafen. Wenige Stunden später gemeinsam gefrühstückt, den Freund zum Bahnhof gebracht und zum Geburtstag meiner Oma gefahren. Dann zur Arbeit, zur neuen Arbeit. Abends dann wieder Freunde getroffen und auf einen Geburtstag angestoßen, wenig später heimgefahren und ins Bett gefallen. Am Montag mit zwei Freundinnen nach Thüringen. Eigentlich wegen eines Arzttermins, aber wegen Semesterferien und den wenigen Tagen frei durch diesen Aufenthalt eine Freundin mitgenommen. Am Abend wieder in eine Bar, auf den gleichen Geburtstag angestoßen und gegen Mitternacht allein mit besagter Freundin nach Hause, während das Geburtstagskind erst gegen 7 heimkam, als ich den besagten (ersten) Arzttermin hatte. Am selben Tag noch mehrmals geschlafen und zwischendurch die nun ehemalige Arbeit kurz besucht und am Abend zu einem superinteressanten Vortrag über Dis_ability. Dann zur Wohnung und die restlichen Stunden mit Netflix und Pizza verbracht.
Am nächsten Tag besuchten wir die Gedenkstätte Buchenwald. Ich bin sehr froh, dass wir hinfuhren, L. Ich glaube, wenn man in diesem Land wohnt, dann sollte man, soweit man die Möglichkeiten hat, sich immer und immer wieder damit auseinandersetzen.
Schließlich, bevor L. wieder nach Hause fuhr, erkundeten wir die Stadt, in der ich 6 Monate lebte, ohne mehr als den Goetheplatz gesehen zu haben. Und wir aßen einen der besten Kuchen, die ich je aß.
Zu Hause mich über das AfD-Wahlprogramm geärgert (und zum ersten Mal mir ein Wahlprogramm intensiver angeschaut). Die Landtagswahlen verfolgt und jetzt zähle ich auf den Straße die Passanten bis 4 ab.
Nach Leipzig gefahren und ein wundervolles Wochenende mit Freunden verbracht. Auf der Buchmesse gewesen und als Andenken Laurie Pennys »Babys machen und andere Geschichten« (signiert) sowie eine geklau weiße Starbucks-Tasse mitgenommen. Wir haben 200 Karten Tabu verspielt.
Mit dem Freund wieder zurückgefahren und weil die gleichen und andere Freunde noch hier waren, bestanden die letzten Tage des Märzes aus Kneipenbesuchen mit und Hausbesuchen bei ihnen. Abende mit Freunden und dem Gefühl, dass auch nach fast einem ganzen Jahr noch alles ist wie früher und irgendwie sogar besser, intensiver.

Kaum zu glauben, dass jetzt wieder Abiprüfungen geschrieben werden, habe ich doch meine erst gefühlt letztens gemeistert. Mir fällt auch gerade dieser Traum von vor paar Tagen ein, da hatte ich das alles wirklich vor mir mit diesem Schwall an Stress- und Panikgefühlen wegen dieser Ungewissheit, was für Noten man denn bekomme. Bis ich dann aufwachte und mir einfiel, dass das alles ein Jahr her ist und ich die Noten längst hatte und sie weitaus besser waren, als die, die ich im Traum zu kriegen befürchtete. Was für ein Mist.

Wie es derzeit läuft? Mein Plan für Oktober steht. Ich warte eigentlich nur darauf, dass die Monate schnell vergehen und ich endlich anfangen kann, mich für alles zu bewerben. Derzeit ist mein Tagesrhythmus ein Traum, aber gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich im Prinzip derzeit wenig nützlich erweise.