In der Hausaufgabenhilfe

Von Anfang April bis Ende August letzten Jahres verbrachte ich freiwillig bei der Hausaufgabenhilfe für Kinder aus der Asylbewerberunterkunft meiner Heimatstadt. Hier habe ich diese Zeit kurz festgehalten.

März 2016. Fassungslos stehe ich im Restaurant meiner Eltern und starre auf den Fernseher. Die ersten Hochrechnungen der diesjährigen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt erscheinen auf dem Bildschirm. Wut und Enttäuschung machen sich in mir breit. Mir wird übel.
Es werden immer mehr Prozente.
Nach sechs Monaten bin ich wieder für längere Zeit hier in meiner Heimatstadt, hier in Sachsen-Anhalt. Während unsere Gäste essen und ebenfalls aufmerksam auf den Fernseher sehen, denke ich daran, dass statistisch gesehen jede∗r Vierte von ihnen an diesem Tag die AfD wählte. An ihrer Stelle hätte ich mich übergeben.

April 2016. Seit fast zwei Stunden stehe ich nun vor dem Kinderbuchregal der neuen Thalia-Buchhandlung. Mein Blick streift über die bunten Hardcover des Loewe Verlags. Als ich klein war, verliebte ich mich in die Leselöwen-Bücher, hatte schließlich sogar fast alle durchgelesen, die es in unserer Kinderbibliothek gab. Zuhause fand ich eines mit Detektivgeschichten und brachte es zur Hausaufgabenhilfe mit. Die Geschichten sind kurz, bebildert und durch die „kniffligen“ Fälle auch mal etwas anderes. So etwas Ähnliches versuchte ich wiederzufinden. Weit gefehlt. Immer wieder gleiten meine Hände über die verschiedenen Bücher, die alle thematisch den jeweiligen Geschlechterklischees entsprechen wollen. Die schönsten Mädchengeschichten, die spannendsten Jungsgeschichten. Auch wenn ich nichts gegen pink oder rosa habe, fällt es auf, wie durch die Buchgestaltung bestimmte Themen wie Ballett, Freund(innen)schaften, Pferde und Feen wohl eine weibliche Zielgruppe angesprochen werden soll, während Abenteuer mit Piraten, Native Americans und Drachen viel blau enthalten. Ich möchte mich gar nicht so sehr aufregen, allerdings mache ich mir doch Gedanken darüber, welche Inhalte ich den Kindern vermitteln will – zumal sie dadurch ggf. auch neue Wörter und somit Zusammenhänge kennenlernen, die in diesen Klischees nachher wurzeln. Mein Problem wäre dabei nicht, dass Mädchen rosa Feen, Ballett und Pferde mögen, mein Problem wäre, dass (fast) nur Mädchen in diesen Geschichten eine Rolle spielen, obwohl man die Protagonistin genauso durch einen Jungen ersetzen könnte und vice versa bei den ganzen Abenteuergeschichten.
Ich blättere durch die Seiten, auch die Buchstaben sind viel zu groß und erschlagen einen fast. Seufzend gehe ich zum nächsten Regal. Trotz dieser Geschlechterklischees – bei denen ich mich frage, ob die wirkliche Genderideologie, vor der von Reaktionären so bedrohlich gewarnt wird, nicht eigentlich eher das ist, nämlich dieses krampfhafte Festhalten solcher Rollen (und erst recht an der Geschlechtsbinarität) – ist mein größtes Problem das Alter. Die Mädchen, mit denen ich gerne das Lesen üben würde, sind nämlich 11 und 12 Jahre alt. Dass sie gerade dabei sind, Deutsch zu lernen, bedeutet eben nicht, das Niveau auch thematisch niedrig zu halten. Erinnere ich mich an meine Interessen und mein Verständnis zu der Zeit zurück, ging beides schon über die simpel gehaltenen Handlungsstränge der Erstlesebücher hinaus.
Schließlich verlasse ich zum dritten Mal buchlos das Geschäft. Bleibe ich eben bei den Detektivgeschichten.

Die Tage, an denen die Hausaufgabenhilfe stattfindet, füllen sich mit stets neuen, aber bald bekannten jungen Gesichtern. Es wird gerechnet und vor allem laut vorgelesen. Das Ganze macht mir unglaublich viel Spaß und ich bejubel gerne jeden noch so kleinen Erfolg. Einzig und allein die Betreuung macht mir zu schaffen. Idealerweise kümmere ich mich um ein Kind. Das klappt leider nicht immer, denn es sind meist mehr Kinder als Betreuer∗innen da. Das Rechnen funktioniert noch, wenn man mehreren Kinder gleichzeitig hilft. Allerdings kommt man je nach Schwierigkeitsgrad der Aufgaben auch schnell an die eigenen Grenzen. Vorlesen hingegen klappt nur allein. Das Lesen und die Aussprache müssen geübt werden, erst recht die Bedeutung all dieser neuen Wörter. Das Lesen eines Wortes ist bereits eine große Hürde, sich den Kontext zu erschließen eine noch viel größere. Ich kenne es selbst vom Erlernen einer neuer Sprache. Man liest die ganzen Wörter munter runter, verstanden habe ich dann nur ein paar, den Inhalt überhaupt nicht.
Es ist spannend zu analysieren, wie weit die jeweiligen Fähigkeiten sind, und zu überlegen, woher die Probleme kommen, um schließlich irgendwie darauf eingehen zu können. Einige der sehr jungen Kinder scheinen bereits auch in ihrer Muttersprache lesen zu lernen, wenn ich beobachte, dass die Wörter zunächst von rechts nach links statt von links nach rechts gelesen werden.
Die größte Hürde ist jedoch, Bedeutungen zu erklären – je jünger desto schwieriger, wenn das Wort nämlich selbst in der Muttersprache noch nicht bekannt ist, wie dann auf Deutsch erklären?

Schnell komme ich an die Grenzen der deutschen Sprache. Der flexible Satzbau macht mir zu schaffen. Der Satz „An einem Sonntagabend kletterte er die Leiter herauf“ bedarf Erklärungsnot: Warum ist die Reihenfolge hier nicht mehr Subjekt-Prädikat-Objekt? Wieso wurde aus dem Verb „heraufklettern“ nun „kletterte … herauf“? Enttäuschte Gesichter sehen mich an, wenn ich wieder einen Satz korrigieren muss, obwohl doch sogar die einfachsten Regeln angewendet wurden. Dass die komplexen Regeln einer Sprache erst intuitiv durch das Sprechen verinnerlicht werden, ist kein befriedigender Trost. Stattdessen wird mir bewusst, wie entscheidend es ist, hierbei zufällig eine eher extrovertierte Persönlichkeit zu haben, die dieses „ins Gespräch kommen“ wesentlich einfacher macht und natürlich die Sprachkenntnisse immens fördert. Zu beobachten, wie einige Kinder bereits nach wenigen Monaten schon wie ein Wasserfall auf Deutsch losplappern, sobald sie einen sehen, erfüllt mich zwar mit Freude, doch der Gedanke bleibt bei jenen, die aus Schüchternheit und gar Scham kein Wort rausbringen. Während F. mir am Ende des Schuljahres freudig erzählt, wie sie nun nach gerade einem Jahr vielleicht sogar aufs Gymnasium kommt, versuche ich L. zu verstehen, wie sie mit gesenktem Blick in zögerlichen Wortfetzen die Aufgabe erklärt und schließlich aufgibt.

Die Monate ziehen sich dahin und trotz des Umstands auch in andere Gespräche abseits der Hausaufgaben zu kommen, frage ich kaum nach, „woher“ die Kinder kommen. Ich fragte F. und T., weil es mich natürlich anfangs doch interessierte. Sie kommen beide aus dem Iran, Teheran, F. lebte jedoch zuvor in Afghanistan und T., bevor sie nach Deutschland kam, in der Türkei. Die Gründe habe ich durch die Sprachbarrieren leider nicht ganz verstanden, ich möchte aber auch nicht weiter nachbohren. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr widerstrebt es mir, dem nachzugehen. Wahrscheinlich werden sie schon oft genug gefragt, von Lehrer∗innen, von Mitschüler∗innen, und auch in Zukunft wird es vermutlich eine der ersten Fragen sein, die sie nach dem Kennenlernen gestellt bekommen. Ich weiß es, weil es eine Frage ist, mit der ich selbst aufwuchs und die mich überallhin begleitet. Die Frage, die unterschwellig suggeriert, dass ich eigentlich nicht hierher gehöre. Und ich möchte dort leben, wo es mittlerweile normal sein sollte, Mitbürger∗innen zu haben, bei denen es egal ist, woher sie kommen, weil sie trotzdem hierher gehören, wenn sie hierher gehören wollen.

Ich merke, wie gut es tut, dort hinzugehen und auch mein Alltag strukturiert sich langsam. Von Dienstag bis Donnerstag verbringe ich von 13 bis 15 Uhr meine Zeit mit der Hausaufgabenhilfe und kellnere danach im Restaurant meiner Eltern. Meine nachmittägliche Tätigkeit erfüllt mich mit solch einer beruflichen Befriedigung, dass ich ab und zu mit dem Gedanken spiele, irgendwas in diese Richtung zu machen, „irgendwas mit Kindern“. Dann fällt mir jedoch ein, dass innerhalb einer ganzen Klasse eine andere Atmosphäre stattfindet und ich hier vor allem die individuelle Hilfestellung mag, die ich geben kann. Der Tag, an dem ich über zehn Kinder von 6 bis 14 Jahren alleine betreue, bestätigt mich nochmal darin.

Oftmals frage ich mich, so „gut“ ich es auch meine, wo die Grenze zwischen bloßer Hilfe und Paternalismus verläuft. Denn gerade bei Kindern fällt es mir schwer, sowas abzuschätzen, vor allem wenn verinnerlichter (antimuslimischer) Rassismus hinzukommt. So sehr ich bspw. eine klare Position in der „Kopftuch-Debatte“ beziehe, die sich in Deutschland auf das Recht auf Selbstbestimmung und Religionsfreiheit runterbrechen lässt, fragte ich mich trotz innerem Widerstreben bei T., ob sie ihr Kopftuch freiwillig trüge, war sie schließlich „erst“ 11 Jahre alt. Tatsächlich weiß ich heute nicht mehr, ob ich es dabei beließ oder ich sie sogar zaghaft danach fragte, aber es geht mich auch nichts an.
In einer meiner prägnantesten Erinnerung an T. lasen wir in einem der Leselöwen-Bücher von einem Liebesbrief und sie fragte, an wen dieser ginge. F. antwortete, natürlich an einen Jungen, denn die Verfasserin sei ja ein Mädchen gewesen. Daraufhin entgegnete T. in gebrochenem Deutsch: „Nein, auch Mädchen und Mädchen lieben sich!“
Ein anderes Mal saßen wir geschlagene zwei Stunden an über vier Seiten Mathehausaufgaben. Warum gibt man in der vierten Klasse so viele Hausaufgaben auf? Noch dazu kurz vor den Sommerferien? Meine Güte!

[Content Note: Im Folgenden werden rassistische Aussagen wiedergegeben. Wer dies nicht lesen möchte, empfehle ich, den 1. und 3. Absatz zu überspringen.]

Mit der restlichen Betreuung verstand ich mich ganz gut. Ich war bei weitem die Jüngste von allen, die regelmäßig kamen und somit auch die, die mit den nahezu kryptisch wirkenden Matheaufgaben klarkam. (Tatsächlich rede ich ohne Übertreibung von Aufgaben aus der ersten Klasse! Die Aufgabensteller∗innen ließen hierbei wirklich ihrer gesamten Kreativität freien Lauf, um die Grundlagen der Addition von Zahlen über 10 zu üben.) Ein Teil kam durchs Jobcenter hierher und ich hatte sie schnell sehr gern. Bis es um die Familien „vom Balkan“ („Machen die Hand auf und nehmen sich alles, aber die Wohnung hinterlassen sie als Saustall!“) ging oder die Angst vor „den Türken“, die „uns alle töten werden, wenn die in die EU kommen“, und vor „denen aus Afrika, die rennen uns doch hier alle ein!“

Im ersten Moment fühlte ich mich hilflos, im zweiten versuchte ich sie zu beschwichtigen, aber erfolglos. Diese Diskrepanz, auf der einen Seite all die geflüchteten Kinder aus arabisch- und dari-/farsisprachigen Ländern liebgewonnen und bereits viele Ressentiments gegen Muslim∗innen abgebaut zu haben, aber auf der anderen Seite immer noch solchen tiefsitzenden Rassismus ans Licht zu bringen, enttäuschte mich vor allem. Das war es also. Man kann mit Menschen so viel darüber diskutieren, sich ihrer „Berührungsängste“ annehmen, aber es wird immer eine weitaus tiefer liegende Überzeugung dessen geben, die nicht zu ändern sein wird.

Als ich zum letzten Mal den Raum betrat, in dem ich schon so vielen Kindern begegnete, musste ich enttäuscht feststellen, dass für diesen Tag niemand da war, der ihn später abschließen konnte und somit das ganze ausfallen musste. Ich unterhielt mich noch kurz mit den zwei Frauen, die dort ebenfalls arbeiteten, allerdings hatte ihre Arbeit nichts mit der Hausaufgabenhilfe zu tun. Die eine Frau hatte zuvor mit A. gesprochen, gefragt, wo denn seine Schwester sei. Er antwortete wohl, dass diese mit seiner Mutter zu Hause war. Die Frau beklagte sich, daran sehe man ja schon, wie „die gleich damit aufwachsen, dass die Frauen nie die Wohnung verlassen dürfen, und wenn, dann nur mit ihren Männern! Schrecklich ist das!“ Daraufhin nahm sie Anlauf, bis sie sich völlig wutentbrannt erregte wie: „Kriegsflüchtlinge sind noch in Ordnung, aber die, die hierherkommen, dass sind alles Wirtschaftsflüchtlinge! Neunundachtzig Prozent von ihnen sind Wirtschaftsflüchtlinge!“ Mein erster Instinkt waren Fakten, die ich nicht parat hatte, und schließlich hatte ich Angst, weil ich noch nie jemand Fremdes sich derart in Rage reden sah. Ihre Kollegin versuchte noch einiges zu relativieren. Ich verabschiedete mich und bereue es, dass ich nicht mehr entgegnete, dass A.s Schwester bereits viele Male allein mit ihrer Mutter herkam und diese sich freibewegte – ohne ihren Mann, der übrigens auch sehr nett war und dem wir manchmal bei seinen Deutschaufgaben halfen. Ich frage mich, ob es was gebracht hätte. Sie wäre wahrscheinlich still geworden, aber es schien, dass sich trotzdem nichts an ihren bereits für sie geklärten Wahrheiten geändert hätte.

Ende des letzten Jahres las ich „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Ich dachte daran, wie ich mit Leuten sprach, die eine gute Ausbildung genossen, mir komplizierte physikalische Vorgänge erklärten und trotzdem immer, wenn sie mich sahen, irgendwann gegen Geflüchtete hetzten – egal, ob ich nur von Apple Maps sprach. Ich dachte an die Leute, die im Restaurant meiner Eltern aßen und subtil antimuslimischen Rassismus raushängen ließen, sobald sie mich fragten, woher ich käme, wie gut Deutsch ich sprechen würde, und dann plötzlich diesen positiven Rassismus gegen antimuslimischen ausspielten. Es ist nicht nur die existenzielle Not, die einen die AfD oder Ähnliches wählen lässt. Was all die Menschen verbindet, ist Rassismus. Selbst wenn es einem egal ist – dass es einem egal ist, legitimiert diesen Rassismus.

2016 gab es 970 Straftaten gegen Asylunterkünfte, mehr als 450 Gewalttaten gegen Geflüchtete. Das macht fast 3 Straftaten gegen Asylunterkünfte, mehr als 1 Gewalttat pro Tag aus. Vor einigen Tagen gab es einen Brandanschlag auf ein bosnisch-islamisches Gemeindezentrum, während der Imam der Gemeinde dort schlief. Dieses Jahr sind Bundestagswahlen.

Erinnern lernen

Das Erinnern an die Shoah ist ein lebenslanger Prozess des Lernens und Reflektierens, des Sich-immer-wieder-damit-auseinandersetzens, weil es nie zu einem Ende damit kommen wird und darf. 

Sommerferien 2011. Die 8. Klasse ist nun vorbei und ich fahre mit Freund·innen zum ersten Mal ohne Erwachsene mit dem Schülerferienticket nach Berlin. Vom Hauptbahnhof aus gehen wir am Brandenburger Tor vorbei und halten beim Holocaust-Denkmal. Wir laufen darin rum, bleiben stehen, ich mache Fotos, wir grinsen, dann machen wir ein trauriges, weil wir anscheinend bei einem Denkmal sind, bei dem man traurig sein muss. Wir laufen weiter rum und irgendwann gehen wir raus, zum Potsdamer Platz und essen Eis.

In Geschichte lernten wir in dem Schuljahr was über den „Sonnenkönig“ Ludwig XIV., die französische Revolution und Napoleons Kaiserreich.

Ich wusste, Hitler war böse und es gab Nazis, die Jüd·innen und Menschen wie mich, also „Nicht-Arier“, umbrachten. Die Zeit des Nationalsozialismus war für mich eher ein graues, verschwommenes Etwas, über das ich in den Medien ab und zu hörte und das auf alle Fälle interessanter schien als die Jahrhunderte, die davor stattfanden und die wir bisher im Geschichtsunterricht behandelten. Aber was es damit genau auf sich hatte, lernte ich erst ein halbes Jahr später und verstand nur langsam.

Paar Jahre später dämmerte mir erst, wie beschämend die Fotos sind. Ein wenig Nachsicht hatte ich dennoch mit meinem 14-jährigen Ich: Die Schule hatte uns einfach zu spät mit der Shoah auseinandersetzen lassen. Ich wusste sie noch nicht in ihren Dimensionen zu begreifen.

Im Unterricht fragte ich mich: „Wäre ich da mitgelaufen?“ Ich hoffte: Nein. Doch ehrlich: Vielleicht? Wahrscheinlich?

Auf der einen Seite wurde mir im Laufe meines Lebens oft genug klar gemacht, irgendwie „anders“ zu sein: nicht Weiß, nicht blond oder braunhaarig, nicht groß, nicht „deutsch“. Diese Erfahrungen haben mich zusätzlich in meiner Wahrnehmung geprägt. Wäre ich daher in diesem Körper in die Zeit des Nationalsozialistischen Deutschen Reichs versetzt worden, hätte ich womöglich nicht einmal die Chance gehabt „mitzulaufen“. Auf der anderen Seite: Wäre mein „Anderssein“ nicht, wäre ich derart zu beeinflussen gewesen? Hätte ich faschistische Strukturen gutgeheißen, hätte ich im Bund Deutscher Mädel Freundschaften geschlossen und die Ausflüge und Wanderungen mit Lagerfeuern zu den schönsten Erlebnissen meiner Jugend gezählt, während um mich herum Jüd·innen, Sinte·zza und Rom·nja, politische Oppositionelle, Homosexuelle, sogenannte Asoziale, Behinderte und unzählige weitere Marginalisierte deportiert wurden?

Als eine Umfrage auftauchte, in der Deutsche befragt wurden, ob sie sich schuldig fühlten, antwortete der Großteil „Nein.“ Ich verstand den Kern der Frage nicht. Wäre eine viel bessere nicht gewesen, ob sie sich verantwortlich dafür fühlen, dass dies nie wieder geschehe?

Ich lernte, dass viel wichtiger als „Wäre ich da mitgelaufen?“ eigentlich „Lasse ich das heute zu?“ ist. Denn die Antwort darauf kann ich im Gegensatz zur ersten Frage aktiv gestalten.

Das Dritte Reich ist nicht meine Familiengeschichte, aber die Werte und Normen, die ich in dieser Gesellschaft erlernte und mit denen ich aufwuchs, haben mich geprägt. Eine Gesellschaft mit antisemitischen, rassistischen, dyacissexistischen1, misogynen2, klassistischen3 und ableistischen4 Strukturen, die ich im Laufe meines Lebens verinnerlichte und in meinem Denken und Handeln reproduzierte und noch reproduziere, die ich eingestehen und wieder ent-lernen muss.

Das Erinnern lässt mich mit der Geschichte konfrontieren, die uns bis heute prägt und immer prägen wird. Daher sehe ich mich in der Verantwortung, gerade weil ich hier lebe, Ähnliches nicht zuzulassen. Ich bin nicht schuld an der Shoah, aber ich bin es den Opfern des Nationalsozialismus schuldig und all den Menschen, die heute Opfer struktureller Gewalt, Diskriminierung, Marginalisierung sind.

 


1 „dya“ von dyadisch: Menschen, deren Körper der zweigeschlechtlichen Norm unterliegen also nicht intersexuell; cis: Menschen, die sich mit dem zu ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren also nicht transgeschlechtlich; Dyacissexismus bezeichnet im Grunde die Diskriminierung und Marginalisierung von Menschen, die dieser Norm (dyadisch cis) nicht entsprechen bzw. bedeutet die Durchsetzung dieser Norm aufgrund von Diskriminierung und Marginalisierung von intersexuellen und transgeschlechtlichen Menschen

2 Misogynie: Frauenfeindlichkeit, darunter auch Ablehnung und Stigmatisierung von „Feminität“, insbesondere hervorzuheben sei noch Transmisogynie: die Diskriminierung von trans Frauen

3 Klassismus: Diskriminierung „schwacher“ sozialer Klassen

4 Ableismus: Behindertenfeindlichkeit und Stigmatisierung psychisch „Kranker“ (Anm.: in Anführungszeichen gesetzt, da – wie jede Art von Diskriminierung – die vorherrschende Norm zum Stigma beiträgt, in diesem Fall also was gesund ist, weshalb der Begriff neurodivergent zu bevorzugen ist)

Ich entschuldige mich schon mal vorab, wenn die Erklärungen oder Formulierungen nicht vollständig, gar falsch sind und bitte um Anmerkungen und/oder Verbesserung!

 


Nachtrag 02.02.2017: Ich hab sehr gezögert, als ich diesen Beitrag veröffentlichte und tue es noch. Habe ich mich damit selbst zu sehr in den Vordergrund gestellt? Habe ich irgendwas relativiert? Könnte es falsch verstanden werden? Habe ich etwas falsch vermittelt? Habe ich etwas nicht bedacht? Fakt ist: Ich trage die deutsche Geschichte ebenfalls mit mir, auch wenn meine Großeltern nichts mit der NS-Zeit zu tun hatten. Ich komme nicht aus der Verantwortung heraus, immer und immer wieder zu reflektieren und mich damit auseinanderzusetzen. Und ich täte dies auch nicht, wäre ich in einem anderen Land geboren worden. Aber gerade hier, wo ich immer mit dem Wissen aufwuchs, dass die Shoah stets Teil dieses Landes ist, muss eine immense Verantwortung dafür hervorgehen – immer. Es darf sich nicht darum drehen, sich davon loszureißen, sondern im Gegenteil, sich dem immer wieder zu stellen. Es geht nicht um Schuld oder Unschuld der Nachfolgegenerationen, sondern die Schuld „unserer“ Großeltern immer vor Augen zu haben und Verantwortung daraus zu ziehen.
Natürlich reicht das Gedenken nicht allein, es müssen auch Taten und immer noch ausstehende Entschädigungen folgen. Aber: „Gedenken braucht Wissen, Wissen, das Erkenntnis werden will, sonst wird Gedenken zu Manipulation.“ (Volkhard Knigge, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora)

Ich muss noch eine Menge lernen, ich mache immer wieder Fehler. Zu jeder Erkenntnis, die ich gewinne, kommen noch hundert weitere, von denen ich noch nichts weiß. Aber ich versuch’s.

Gelesen: »Americanah« von Chimamanda Ngozi Adichie

Tl;dr: Lest dieses Buch, erst recht wenn ihr bisher nur Bücher von Weißen, männlichen Autoren gelesen habt. Dieses Buch gibt nicht nur einen Einblick darüber, wie es ist, als Schwarze in den USA Rassismus ausgesetzt zu sein, der ebenso in wesentlich subtileren Formen erscheint, sondern darüber hinaus ist es eine lebhafte Erzählung einer Rückkehr.

Es sind gerade erst wenige Stunden her, als ich das Buch beendete und beiseite legte. Normalerweise brauche ich meist danach ein wenig Zeit, recherchiere zur∗m Autor∗in und dem Roman selbst, lese Kritiken und Reviews, versuche meine Meinung irgendwo dort entlang einordnen zu können, aber bislang hat mich auch noch kein Buch derart schwer enttäuscht, dass ich da lange überlegen würde, ob ich dieses Buch nun weiterempfehlen könnte oder nicht.

Ich habe die schwere Angewohnheit, öfter über Bücher als sie selbst zu lesen. Entdeckt habe ich damals diesen Roman beim Kanon des jungen Jahrhunderts von Zeit Online. Von der Beschreibung her fand ich es interessant, aber nicht interessant genug, um es selbst sofort zu lesen. Also bestellte ich das Buch kurz vor Weihnachten, um es dann anschließend einer Freundin zu schenken. (Bisher funktionierte dieses Prinzip ganz gut, obwohl ich viele Bücher, die ich verschenkte, oftmals nicht selbst las und nur im Gefühl hatte, dass die Person das ausgewählte Buch mögen könnte, bedankten sich meist die Beschenkten noch einmal ausdrücklich nach der Lektüre.) Leider schaffte ich es nicht mehr, das Buch vor Weihnachten zu versenden, ehe ich selbst wieder zu meinen Eltern fuhr. So lag es vergessen bei C. rum, bis ich ihn wieder besuchte und neben all meinen anderen Sachen diesen Roman wieder mitnahm.

Weil ich im letzten Jahr trotz massig viel freier Zeit gerade mal zwei Bücher wirklich von vorne bis hinten durchlas, nahm ich mir für dieses Jahr vor, es wenigstens mit einem Buch pro Monat zu versuchen. Der angesammelte Stapel an Büchern reicht sowieso bei dieser Frequenz für geschätzt die nächsten zehn Jahre. Da fing ich also eines Nachmittags in der Straßenbahn mit »Americanah« an.

In der deutschen Übersetzung wird den gewöhnlichen Leser∗innen wahrscheinlich eines zuallererst eher unangenehm auffallen und so frage ich mich, nach welchen Überlegungen bei der Übersetzungen fortgefahren wurde: Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff »Rasse« im Bezug auf Menschen gerade im Hinblick auf die Shoah ein äußerst weitreichend abzulehnender Begriff. Im angloamerikanischen Raum widerfuhr dem Begriff »race« hingegen eine andere Bedeutung im Laufe der Zeit, die klar abgegrenzt werden sollte von der eigentlich deutschen Entsprechung »Rasse«. So ist – das klingt vielleicht erst einmal paradox – »Rasse« nicht gleich »race«. Denn »race« wird mittlerweile als soziale, kulturelle Konstruktion verstanden, die gewissermaßen Menschen mit dem gemeinsamen Erfahrungshintergrund, Rassismus ausgesetzt zu sein, begreift. Gerade in den USA, die durch Kolonialisierung, Sklaverei, gewaltsame Unterdrückung, ein rassistisches Rechtssystem und verschiedene Einwanderungswellen geprägt wurden, muss es, um die Komplexität von – gerade intersektionalen – Diskriminierungsmechanismen allmählich zu erfassen, zu einer solchen Benennung kommen. Denn, so heißt es auch im Buch: »[Race] ist keine Biologie, [race] ist Soziologie.«
Um den Unterschied zwischen der jeweiligen Historie beider Begriffe zu verdeutlichen und zu markieren, bevorzuge ich persönlich also den Gebrauch von race statt »Rasse«, möchte aber keinesfalls die Legitimität der Übersetzung absprechen, da ich eben die Gedankengänge dazu nicht kenne.

Durch diese Anmerkung kann eins sich wahrscheinlich schon denken, worum es u.A. in dem Buch geht: Ifemelu, aufgewachsen in Nigeria, emigriert mit einem Stipendium fürs Studium in die USA. Während race in Nigeria kaum eine Rolle im Alltag spielte, wird sie nun damit konfrontiert. Sah sie sich vor ihrer Einreise nicht als Schwarze, unterscheidet sie schließlich in ihrem Blog zwischen AS und NAS – amerikanische Schwarze und nicht-amerikanische Schwarze, die allesamt ähnliche Rassismuserfahrungen teilen. Ihr langjähriger Freund Obinze muss allerdings in Nigeria bleiben und durch Post-9/11 gibt es keine Chance auf eine Einreise in die USA, sodass er in der Hoffnung auf ein besseres Leben sich schließlich illegal in Großbritannien aufhält.

Das ist nur ein kleiner Teil der Handlung. Im Grunde reichen die eingeschobenen Rückblicke auf Ifemelus und Obinzes Leben so weit, dass ich als Laie das Buch eigentlich als Bildungsroman einordnen würde, denn der beschriebene Teil gehört zum Zeitpunkt des Einsetzen der Handlung der Vergangenheit an.
Sobald es einen Identifizierungsmoment in einem Roman gibt, wird das Lesen für mich zu einer sehr persönlichen Sache. Die Entwicklung beider Protagonist∗innen über ihre Jugend- und Studienzeit hinaus mitzuverfolgen, war der Grund, weshalb ich nicht nur aufgrund der zahlreichen scharfen Analysen und Beobachtungen der nigerianischen und us-amerikanischen gesellschaftlichen Verhältnisse, für die das Buch besonders gelobt wurde, die rund 600 Seiten in kürzester Zeit – wie lange nicht mehr – zu Ende las. Kurz bevor ich ohne wirkliche Erwartungen den Roman anfing, überkam mich das starke Interesse daran, wie sich Menschen in ihrer Persönlichkeit entwickeln, wie die Jugendlichen, die so und so drauf waren, zu den und diesen Erwachsenen wurden. Nicht zuletzt, wenn ich ehrlich bin, weil ich gerade selbst »mittendrin« stecke.

Damit will ich das Buch aber auch nicht allein darauf reduzieren – im Gegenteil. Ich überlegte lange, ob ich überhaupt darüber schreibe, denn nach den ersten paar Seiten wusste ich, dass es mich nicht enttäuschen würde. Dieses Buch in irgendeiner Art und Weise zu erfassen, erschien mir aber kaum möglich. Allein die Handlung zu beschreiben und somit auf irgendwas zu reduzieren, fällt mir schwer. Denn die Handlung besteht aus den Geschichten verschiedener Individuen, die allesamt in irgendeiner Weise gesellschaftliche Phänomene und Probleme zum Ausdruck bringen, aber doch nur insofern, dass nicht die Figuren sich darauf reduzieren lassen, sondern davon berührt werden, indem sie das System mittragen.

Letztlich war es allerdings auch so, dass ein Großteil der Bücher, die ich in meinem Leben bisher las, von Weißen Menschen geschrieben wurden, bei denen ausschließlich Weiße Charaktere vorkamen und meistens Geschichten aus derselben (Weißen Mehrheits-)Gesellschaft beschrieben, in der ich selbst lebe. Diesen Aspekt hierbei rauszulassen, fühlt sich für mich nicht richtig an, daher schreibe ich ihn dazu. Sich etwas einzugestehen, ist nämlich zumindest der erste Schritt zu einer Besserung. Denn mir fehlte bisher (und immer noch, aber zumindest nicht allzu sehr wie vorher) ein realistisch(er)es Bild von »Afrika« – in Anführungszeichen gesetzt, weil trotz starker Ablehnung der verbreiteten kolonialen, »westlichen« Vorstellungen des Kontinents, die allesamt in Richtung »noch nicht so entwickelt wie ›wir‹ (der Westen, ›besser‹) es sind« gehen, immer noch gewisse Bilder bei mir internalisiert sind.
Um diese abzubauen, helfen mir solche Geschichten, weil sie das, was ich in schwammiger Vorstellung zwar vermute, dass z.B. technologische Fortschritte genauso Einfluss nahmen, nun in meinem Kopf in Konkretes, »Fassbares«, festigen. Und erfrischend ist es auch, wenn das vage Bild der Charaktere, das sich beim Lesen auftut, auch mal Schwarze Menschen beinhaltet.

Gerade in dieser Hinsicht wird mir nochmal klar, wie unfassbar viel es noch aufzuarbeiten gibt und auch in dem Buch angesprochen wurde. Die vielen Themen, die es anstreift, sind eben nur ein Gipfel eines Eisberges, die aber durch »Americanah« nochmal deutlich sichtbar gemacht wurden.

9. November

Vor ca. einem Dreivierteljahr stand ich zusammen mit L. in der Gedenkstätte Buchenwald. Der letzte Schnee schmolz in großen Pfützen dahin, die grauen Wolken hingen am Himmel herab, der Wind ließ uns seine eisige Kälte spüren.
Gegen 13 Uhr sollte eine öffentliche Führung stattfinden. Da wir die einzigen Besucherinnen waren, die nicht in einer angemeldeten Gruppe kamen, wurden wir allein herumgeführt.

Es war kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Und immer wieder war ich den Tränen nah, schluckte Wut und Fassungslosigkeit herunter. Wir standen vor dem Tor, auf dem »Jedem das Seine« zu lesen war, ich versuchte, Worte für Unbegreifliches zu finden und legte meine Hände auf die körperwarme Mitte des Gedenkzeichens, welches heute auf dem Appellplatz zu finden ist.

So weit es geht, versuche ich, mich immer wieder mit der Shoah auseinanderzusetzen. Es wird niemals ein Vergleich angebracht sein, aber an Tagen wie diesem bleibt einem nur noch die Kraft, sich zu erinnern, dass jeglicher Hass zu verhindern ist.

Nie wieder.