Butterstulle

Ich verdränge gerade, dass ich eine vermutlich simple Aufgabe zu Matrizenmultiplikation aus der Probeklausur nicht verstehe. Daher habe ich in der Zwischenzeit eine fiktive Kurzgeschichte geschrieben. Ich glaube, ich verstehe sie nicht.


Loderndes Feuer, geplünderte Drogerien. An der weißen Decke befanden sich jeweils an den Ecken Stuckelemente, deren Form ich nicht ganz beschreiben konnte.
Dunkelheit, laute Straßen, schrille Alarmanlagen. Stuck interessierte mich nicht.
Spiritus, ein Feuerzeug. Mir wäre er bei der Besichtigung auch kaum aufgefallen, hätte der Makler mich nicht darauf hingewiesen. Vermummte Menschen laufen umher. Die hohe Decke bot genug Platz, um mindestens ein Hochbett einzubauen.
Nicht-Vermummte machen Selfies. Bis heute hatte ich diesen Plan nicht umgesetzt.
Streichholzschachtel in der einen Hand. Ich starrte oft an die weiße Decke.
Es brennt, es brennt. Hurra, es brennt. Wenn ich nach Hause kam, legte ich mich meist zunächst hin, ehe ich mir was zu Essen bestellte. Destruktion. Zerstörungswut. Zum Kochen war ich nicht nur zu faul, vor allem hatte ich Angst vor dem Gasherd. Party-Randale. Ohne meinen Mitbewohner traute ich mich nicht, dieses Teil anzumachen. Ein Fernseher wird mit aller Wucht ins Feuer geworfen. Da er abends viel später nach Hause kam, bestellte ich mir öfter etwas. Ein Straßenschild wird mit aller Kraft umgetreten. Von Zuhause war ich es nicht gewohnt, mir Essen bringen zu lassen, sodass mir nicht bewusst war, Türgeld zu geben. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Als ich durch Zufall davon erfuhr, erschauderte ich. Wasserwerfer, Pfefferspray. Mein Nicht-Wissen brachte mir anscheinend so viel Antipathie ein, die ich im Nachhinein nachvollziehen, aber in den Momenten an der Tür nicht erklären konnte. Polizeiliches Pfefferspray misst bis zu 5,3 Millionen Scoville. Beschämt konnte ich die nächsten Tage nichts bestellen und ernährte mich von Butterstullen. 1000 mal schärfer als eine Jalapeño. Mangels Brot ergab sich jedoch bereits nach wenigen Tagen die Notwendigkeit, wieder einmal Essen liefern lassen zu müssen. Brennende Autos. Brennende Augen. Zitternd bestellte ich eine Pizza über die App. Polizeigewalt. Sie hassten mich, ich wusste es, aber ich hatte Hunger, auch wenn mir allmählich schlecht wurde, je mehr Zeit nach der Bestellbestätigung verging. Strukturelle Gewalt. Dem Lieferboten reichte ich schließlich ganz aufgeregt 10 €. Zum ersten Mal lächelte er, als er ging. Staatsgewalt. Ich fühlte mich gut. Um mehr als 10 € ärmer, aber das machte ja nichts. Nun ging es einem anderen armen Schuft ein bisschen besser als mir. Autaritismus. Auf meinem Bett schob ich die Decke beiseite, legte ein Handtuch und Zeitungspapier aufs Laken und schließlich die Pizzaschachtel darauf. Autoritismus. Der Käse zog lange, gelbe Fäden, ein wenig Öl tropfte auf die Schachtel, als ich ein fertig geschnittenes Stück entnahm. Autoritarismus. Ich hielt beim Abbeißen meine Hand darunter. Autos. Sie war noch sehr heiß, aber vor allem scharf. Die Herrschaft brennender Autos. Meine Augen fingen an zu tränen, ich schmiss die Pizza zurück in die Schachtel, atmete durch meinen vollen, offenen Mund. Sie war zu heiß, zu scharf. Nein, Schatz, unser Auto brennt da unten. Ich eilte in die Küche, spuckte den halbzerkauten Teig aus und spülte mit der kühlen H-Milch den Rest runter. Warum der rote Twingo? Meine Zunge fühlte sich beinahe taub an. Ich goss mir in eine Tasse den letzten halben Liter Milch ein und ging zurück in mein Zimmer. Wie sollen sie nun ohne Autos von einem Minijob zum anderen pendeln? Die Pizza schob ich ein wenig zur Seite, legte mich ins Bett und starrte die weiße Decke an. Reflexion struktureller Gewalt kauft mir bei Rewe was zu essen. Der Hunger war nun fast verdorben. Ich trank einen Schluck von der Milch. Das Pflegedienstauto haben sie auch angesteckt. Auf dem Boden lag die Fernbedienung, ich schaltete zu Pro7. Die Simpsons kamen. Soziale Arbeit muss privatisiert werden, damit sie auf dem freien Markt konkurrieren kann. Seit Jahren schaute ich sie. Loderndes Feuer, geplünderter Rewe. Obwohl meine Familienkonstellation eine ganz andere war, konnte ich mich mit diesen Figuren irgendwie identifizieren. Vollkasko zahlt nicht. Ich nutzte die dreißig Minuten am Abend, um wenigstens einmal ganz kurz nicht an meinen eigenen Alltag denken zu müssen. Entschädigt werden alle Opfer von Autogewalt. Homers Routine zwischen Kernkraftwerk, Moe’s Kneipe und den eigenen vier Wänden erschien eine angenehmere zu sein als meine. Entschädigt werden keine Opfer von Nazigewalt. Auf dem Weg zur Schule fuhr ich an Feldern und Plattenbauten vorbei, an einem großen Parkplatz mit einem Lidl und am Imbiss meiner Eltern. Linker Terror, das ist: Vandalismus, Sachbeschädigung. Auf dem Weg zur Schule kam ich jeden Tag an einer Gruppe Jugendlicher vorbei. Vergesst nicht eure Mitgliedskarte für den Schwarzen Block. Sie riefen mir immer etwas hinterher, doch mein Fahrrad war schneller und so hörte ich sie kaum. Rechter Terror, das ist: Menschen gefährden, Menschen töten. Ich wollte sie aber auch nicht verstehen. Wut. Angst. Verletzte. Keine Tote. Nach der Schule standen sie immer wieder an der gleichen Stelle und riefen mir etwas hinterher. Unsere Polizisten. Doch mein Fahrrad war schneller, ich hörte sie kaum. Wären gern zu Hause bei ihren Familien, Kindern. Als ich eines Tages auf dem Weg zur Schule war, fuhr ich vorbei an Feldern und Plattenbauten, an einem großen Parkplatz mit einem Lidl und dem abgebrannten Imbiss meiner Eltern. Das sind ja auch nur Menschen. Ein großer schwarzer Fleck machte sich breit, ich fuhr schnell davon. Zivilisten sind hingegen keine Menschen. Die Gruppe Jugendlicher stand nicht mehr an der gleichen Stelle. Schwer bewaffnete Randalierer. Ihre Munition sind scharfe Steine. Die Folge Simpsons war vorbei. Seit neustem wurde die zweite Folge durch The Big Bang Theory ersetzt. Da kommt auch kein SEK dagegen an. Ich schaltete auf Netflix um. Das Vermummungsverbot, das legitimiert. Eine 20-Minuten-Comedyserie. Verhältnismäßig unverhältnismäßig. Erneut versuchte ich mich an der Pizza. Lasst es präventiv eskalieren, entlang der Hamburger Linie. Sie war kalt. Augenzeugenberichte. Presse wurde verprügelt. Noch immer scharf, aber essbarer als vorhin. Macht doch Platz, damit die Polizisten ihre Arbeit machen können. Draußen fing es an zu regnen. Wenn die Polizei ihre Arbeit macht, dürfen andere nicht ihre Arbeit machen. Ich dachte an den Lieferboten. Alles Heldentaten. Ich hoffte für ihn, dass nicht noch mehr Menschen Pizza bestellten. Verprügelte Demonstranten. Er war mit dem Fahrrad gekommen. Verprügelte Unbeteiligte. Draußen knallte es. Dafür fordern wir, die Polizei, Anerkennung und Respekt. Ich dachte an wasserfeste Liefer-Roboter. Versammlungsrecht für alle Autos, die es nicht in Garagen geschafft haben. Mit ausfahrenden Beinen, damit sie Treppen steigen konnten. German efficiency. Jetzt räumt Hamburg die Schanze auf. So sauber war es lange nicht mehr. Und mit besseren Sensoren als Roombas.

170703

Mir fällt auf, wie ungern ich mich als „links“ oder als Feministin label. Das hängt weniger mit der üblichen negativen Konnotation zusammen, die letzteres oftmals widerfährt, sondern eher mit dem Umstand, dass ich bei mir persönlich keinerlei Bemühungen feststellen kann, dieser Bezeichnung überhaupt gerecht zu werden. So sehr ich mit der Bandbreite an Ansichten konform gehe, immer wieder dazulerne und -lese, fällt es mir in der Realität schwer, mich aktiv zu beteiligen.

Ab und zu, als ich das Lernen in der Oberstufe hinauszögerte, diskutierte ich unter Facebookbeiträgen von Zeitungen und Radiosendungen mit Fremden. Internetdiskussionen fallen mir, wenn ich mich nicht durch zu viele öffentlich einsehbare Informationen über mich angreifbar mache, leichter. Ich kann mich ausklinken, wenn ich mag, und werde bestenfalls bestärkt durch ein paar Likes, durch die ich weiß, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine stehe.

Bei Freund∗innen und generell im öffentlichen Offline-Raum sieht es anders aus. Abgesehen davon, dass ich noch nie ein diskussionsfreudiger Mensch war und geradezu harmoniebedürftig bin, fällt es mir einfach schwer, nicht nur den Mut zum (Wider)Sprechen zu finden, sondern auch standzuhalten, obwohl mir danach wieder sämtliche Argumente einfallen. Sobald es zur Reproduktion von *ismen, sei es Rassismus, Sexismus, Ableismus etc., kommt, fehlt mir die Fähigkeit zur Intervention: das direkte Ansprechen und Kritisieren von problematischem Verhalten. Mittlerweile lasse ich zwar nicht mehr alles durchgehen, aber eben dennoch vieles. Ich halte mich zurück, soweit es niemanden gibt, der mich explizit darauf anspricht. Dank eines langsam sensibilisierenden Freundeskreises ist es kein Problem, da ich meist zumindest eine Person »auf meiner Seite« habe, durch die ich mich in solchen Situationen sicherer fühle.

Recht allgemein bisher gehalten, komme ich nun zu konkreteren Situationen. Als Person of Color, die einen fast ausschließlich Weißen Freundeskreis hat, konnte ich Rassismuserfahrungen nur mit dem Internet und einer langjährigen Freundin aus Kindertagen teilen. Die Erfahrung, beim Einkaufen »Was’n, F*dschi?!« ins Gesicht gesagt zu bekommen, weil ich vor dem Brotregal stehe, den Blick zu senken und zu tun, als würde man sie nicht sehen, wenn eine Gruppe Jungs laut höhnisch ruft: »Das gibt’s doch nicht! Ein echter J*pse!«, und wiederholt, bis es anscheinend langweilig wird, oder sich der Nachbar unterm Fenster beschwert, wie faul die Vietnamesen ja seien, während die Eltern mehr als 12 Stunden von Montag bis Sonntag durcharbeiten, diese Erfahrung teilen sie nicht. Ich kann davon erzählen, aber das Durchleben solcher Situationen ist ihnen fremd. Das Aufwachsen mit Klischees und der dadurch entstehende, gesellschaftliche Druck, sich einerseits gegen die Vorhersehbarkeit aufzulehnen, andererseits sich ebenso beweisen zu müssen, weil man sich als PoC doppelt so oft anstrengen muss, ist noch eine andere Sache.
In meinem persönlichen Freundeskreis fällt es mir daher schwer, solche »racial issues« anzubringen – bin ich schließlich die einzige, die damit noch am ehesten konfrontiert wird.

Das »R-Wort«

Puh. Das will wohl niemand hören, gerade bei einem toleranten Selbstverständnis, gerade wenn man selbst auf Anti-Nazi-Demos war, auf die ich nie ging, weil ich ja doch Angst vor Nazis hatte. Und obwohl ich auch hier schon darüber schreiben könnte, wie bigott es ist, die ganze Energie darauf zu verschwenden, bloß nicht mit diesem Begriff in Berührung zu kommen, anstatt mit dem angesprochenen Problem, welches der Auslöser dafür war, verstehe ich es. Niemand, außer vielleicht Nazis, will in Deutschland Rassist∗in genannt werden. Vor allem bei einer nicht-systematischen Vorstellung von Rassismus kann das Benennen von rassistischem Verhalten, von einem Hauch Rassismus, großen Widerstand entfachen. Die Folge: (trotziges, wütendes oder empörtes) Zurückweisen des Vorwurfs, Rechtfertigung, weshalb es nicht rassistisch war (mit eigener Auslegung, was Rassismus ist), Relativierung des Sachverhalts und der Kritik (»Jetzt übertreibst du / reagierst du über!«) und im schlimmsten Fall das »R-R-Wort«: Reverse racism.

Ich bestreite nicht, dass viele People of Color Derartiges ebenfalls internalisiert haben. Aber es ist vor allem eine (Trotz)Reaktion, die von Weißen Personen kommt, meist eben jene, die anderweitig kaum Erfahrung mit (intersektionaler) Diskriminierung machten. Wenn ich von Weißen rede, geht es hier nicht nur um das Privileg, nicht Rassismen ausgesetzt zu sein, sondern impliziert auch weniger Sensibilisierung dafür. Genauer ausgedrückt: Ignoranz.

Daran kann man arbeiten. Umso mehr ärgere ich mich daher, gerade in meinem Freundeskreis, nicht die Chance dazu zu geben, daraus zu lernen, weil ich weiß, dass es besser geht. Weil ich mich vor Konfrontation bzw. schlechte Stimmung fürchte, vor Diskussionen, denen ich nicht standhalten kann, und emotional ausgelaugt zu sein, da es sich hier nicht um Fremde handelt, sondern um Freund∗innen. Die Angriffsfläche ist größer, der Grad der Verletzbarkeit steigt.

Deswegen lasse ich es hier aus, halte mich zurück, bis ich irgendwann den Mut finde zu reden.

 

170512

Vor wenigen Tagen erst habe ich »Thirteen Reasons Why« begonnen und wenige Stunden darauf auch wieder beendet. Früher habe ich Bücher so schnell gelesen, heute sind es eben Serien. Tatsächlich habe ich zu dieser keine Meinung. Soweit ich mitbekam, kursierten zwar viele Artikel dazu rum, aber ich klickte nirgendwo rauf, bekam die Diskussion um einen möglichen Werther-Effekt und weshalb sie Jugendlichen vielleicht doch vorbehalten werden sollte, nur am Rande mit. Der einzige Text, den ich mir dazu durchlas, war dieser und ich fand ihn reflektierend sowie nachvollziehbar.

Die Serie hätte wahrscheinlich eine ganz andere Wirkung, wäre ich etwas jünger. Mit 14 Jahren schaute ich »Skins« – in diesem Alter hätte die Serie bei mir ganz gut reingepasst. Ich kann mir gut vorstellen, wie ich noch tagelang benommen davon gewesen wäre, wie sehr ich mich in die Figuren hineinversetzt und sie auf eine Weise rezipiert hätte, die mir heute fern bleibt. Sprich, es hätte mich weitaus mehr mitgenommen als jetzt, wo ich nun zwei Jahre heil aus der Schule raus bin.

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Gestern Abend war ich bei einer Veranstaltung, in der es um die Verantwortlichkeit von Algorithmen ging. Möglicherweise werde ich mir den Vortrag noch einmal anschauen, sollte er online gestellt werden, denn ich hatte viel Input zu verarbeiten.

In den letzten Tage dachte ich in losen, unvollständigen Gedankengängen nochmal darüber nach, wie schwierig sich Vieles quantifizieren lässt, eine Entscheidung stets einen Entscheidungsprozess mit sich bringt, der zwar viel diffuser ist und weniger Eindeutigkeiten zulässt, dennoch besser die Komplexität von Korrelationen verschiedenster Sachverhalte aufzeigt.

Auch wenn ich bisher wenig programmierte, denke ich, dass Algorithmen, sobald sie in ihrer Anwendung in Berührung mit Menschen kommen, stets gesellschaftliche Strukturen abbilden werden. Letztlich sind sie Hilfsmittel des Menschen, basieren auf dessen Entscheidungen, welche Parameter benutzt werden, wie sich dies zu jenem verhalten soll, welcher Input verarbeitet wird.

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Ein riesiges Buffet, ein Saal voller Leute, die ich mag. Derzeit fahre ich wieder auf einer sehr philanthropischen Schiene und dachte darüber nach, wie absurd es ist, einen Anlass finden zu müssen, um all die Leute auf einem Haufen zu versammeln, die man gern hat, möglicherweise um sie auch mit neuen zu vernetzen. Ich würde gerne mal ein riesiges Fest feiern, vielleicht aber auch nur aufgrund des schier endlosen Essens, das dann übrig bliebe und ich mitnehmen könnte. Längere Zeit dann nicht mehr darüber nachdenken müssen, was heute gegessen wird. Wie schaffen das andere, sich jeden Tag für etwas zu entscheiden?

 

In der Hausaufgabenhilfe

Von Anfang April bis Ende August letzten Jahres verbrachte ich freiwillig bei der Hausaufgabenhilfe für Kinder aus der Asylbewerberunterkunft meiner Heimatstadt. Hier habe ich diese Zeit kurz festgehalten.

März 2016. Fassungslos stehe ich im Restaurant meiner Eltern und starre auf den Fernseher. Die ersten Hochrechnungen der diesjährigen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt erscheinen auf dem Bildschirm. Wut und Enttäuschung machen sich in mir breit. Mir wird übel.
Es werden immer mehr Prozente.
Nach sechs Monaten bin ich wieder für längere Zeit hier in meiner Heimatstadt, hier in Sachsen-Anhalt. Während unsere Gäste essen und ebenfalls aufmerksam auf den Fernseher sehen, denke ich daran, dass statistisch gesehen jede∗r Vierte von ihnen an diesem Tag die AfD wählte. An ihrer Stelle hätte ich mich übergeben.

April 2016. Seit fast zwei Stunden stehe ich nun vor dem Kinderbuchregal der neuen Thalia-Buchhandlung. Mein Blick streift über die bunten Hardcover des Loewe Verlags. Als ich klein war, verliebte ich mich in die Leselöwen-Bücher, hatte schließlich sogar fast alle durchgelesen, die es in unserer Kinderbibliothek gab. Zuhause fand ich eines mit Detektivgeschichten und brachte es zur Hausaufgabenhilfe mit. Die Geschichten sind kurz, bebildert und durch die „kniffligen“ Fälle auch mal etwas anderes. So etwas Ähnliches versuchte ich wiederzufinden. Weit gefehlt. Immer wieder gleiten meine Hände über die verschiedenen Bücher, die alle thematisch den jeweiligen Geschlechterklischees entsprechen wollen. Die schönsten Mädchengeschichten, die spannendsten Jungsgeschichten. Auch wenn ich nichts gegen pink oder rosa habe, fällt es auf, wie durch die Buchgestaltung bestimmte Themen wie Ballett, Freund(innen)schaften, Pferde und Feen wohl eine weibliche Zielgruppe angesprochen werden soll, während Abenteuer mit Piraten, Native Americans und Drachen viel blau enthalten. Ich möchte mich gar nicht so sehr aufregen, allerdings mache ich mir doch Gedanken darüber, welche Inhalte ich den Kindern vermitteln will – zumal sie dadurch ggf. auch neue Wörter und somit Zusammenhänge kennenlernen, die in diesen Klischees nachher wurzeln. Mein Problem wäre dabei nicht, dass Mädchen rosa Feen, Ballett und Pferde mögen, mein Problem wäre, dass (fast) nur Mädchen in diesen Geschichten eine Rolle spielen, obwohl man die Protagonistin genauso durch einen Jungen ersetzen könnte und vice versa bei den ganzen Abenteuergeschichten.
Ich blättere durch die Seiten, auch die Buchstaben sind viel zu groß und erschlagen einen fast. Seufzend gehe ich zum nächsten Regal. Trotz dieser Geschlechterklischees – bei denen ich mich frage, ob die wirkliche Genderideologie, vor der von Reaktionären so bedrohlich gewarnt wird, nicht eigentlich eher das ist, nämlich dieses krampfhafte Festhalten solcher Rollen (und erst recht an der Geschlechtsbinarität) – ist mein größtes Problem das Alter. Die Mädchen, mit denen ich gerne das Lesen üben würde, sind nämlich 11 und 12 Jahre alt. Dass sie gerade dabei sind, Deutsch zu lernen, bedeutet eben nicht, das Niveau auch thematisch niedrig zu halten. Erinnere ich mich an meine Interessen und mein Verständnis zu der Zeit zurück, ging beides schon über die simpel gehaltenen Handlungsstränge der Erstlesebücher hinaus.
Schließlich verlasse ich zum dritten Mal buchlos das Geschäft. Bleibe ich eben bei den Detektivgeschichten.

Die Tage, an denen die Hausaufgabenhilfe stattfindet, füllen sich mit stets neuen, aber bald bekannten jungen Gesichtern. Es wird gerechnet und vor allem laut vorgelesen. Das Ganze macht mir unglaublich viel Spaß und ich bejubel gerne jeden noch so kleinen Erfolg. Einzig und allein die Betreuung macht mir zu schaffen. Idealerweise kümmere ich mich um ein Kind. Das klappt leider nicht immer, denn es sind meist mehr Kinder als Betreuer∗innen da. Das Rechnen funktioniert noch, wenn man mehreren Kinder gleichzeitig hilft. Allerdings kommt man je nach Schwierigkeitsgrad der Aufgaben auch schnell an die eigenen Grenzen. Vorlesen hingegen klappt nur allein. Das Lesen und die Aussprache müssen geübt werden, erst recht die Bedeutung all dieser neuen Wörter. Das Lesen eines Wortes ist bereits eine große Hürde, sich den Kontext zu erschließen eine noch viel größere. Ich kenne es selbst vom Erlernen einer neuer Sprache. Man liest die ganzen Wörter munter runter, verstanden habe ich dann nur ein paar, den Inhalt überhaupt nicht.
Es ist spannend zu analysieren, wie weit die jeweiligen Fähigkeiten sind, und zu überlegen, woher die Probleme kommen, um schließlich irgendwie darauf eingehen zu können. Einige der sehr jungen Kinder scheinen bereits auch in ihrer Muttersprache lesen zu lernen, wenn ich beobachte, dass die Wörter zunächst von rechts nach links statt von links nach rechts gelesen werden.
Die größte Hürde ist jedoch, Bedeutungen zu erklären – je jünger desto schwieriger, wenn das Wort nämlich selbst in der Muttersprache noch nicht bekannt ist, wie dann auf Deutsch erklären?

Schnell komme ich an die Grenzen der deutschen Sprache. Der flexible Satzbau macht mir zu schaffen. Der Satz „An einem Sonntagabend kletterte er die Leiter herauf“ bedarf Erklärungsnot: Warum ist die Reihenfolge hier nicht mehr Subjekt-Prädikat-Objekt? Wieso wurde aus dem Verb „heraufklettern“ nun „kletterte … herauf“? Enttäuschte Gesichter sehen mich an, wenn ich wieder einen Satz korrigieren muss, obwohl doch sogar die einfachsten Regeln angewendet wurden. Dass die komplexen Regeln einer Sprache erst intuitiv durch das Sprechen verinnerlicht werden, ist kein befriedigender Trost. Stattdessen wird mir bewusst, wie entscheidend es ist, hierbei zufällig eine eher extrovertierte Persönlichkeit zu haben, die dieses „ins Gespräch kommen“ wesentlich einfacher macht und natürlich die Sprachkenntnisse immens fördert. Zu beobachten, wie einige Kinder bereits nach wenigen Monaten schon wie ein Wasserfall auf Deutsch losplappern, sobald sie einen sehen, erfüllt mich zwar mit Freude, doch der Gedanke bleibt bei jenen, die aus Schüchternheit und gar Scham kein Wort rausbringen. Während F. mir am Ende des Schuljahres freudig erzählt, wie sie nun nach gerade einem Jahr vielleicht sogar aufs Gymnasium kommt, versuche ich L. zu verstehen, wie sie mit gesenktem Blick in zögerlichen Wortfetzen die Aufgabe erklärt und schließlich aufgibt.

Die Monate ziehen sich dahin und trotz des Umstands auch in andere Gespräche abseits der Hausaufgaben zu kommen, frage ich kaum nach, „woher“ die Kinder kommen. Ich fragte F. und T., weil es mich natürlich anfangs doch interessierte. Sie kommen beide aus dem Iran, Teheran, F. lebte jedoch zuvor in Afghanistan und T., bevor sie nach Deutschland kam, in der Türkei. Die Gründe habe ich durch die Sprachbarrieren leider nicht ganz verstanden, ich möchte aber auch nicht weiter nachbohren. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr widerstrebt es mir, dem nachzugehen. Wahrscheinlich werden sie schon oft genug gefragt, von Lehrer∗innen, von Mitschüler∗innen, und auch in Zukunft wird es vermutlich eine der ersten Fragen sein, die sie nach dem Kennenlernen gestellt bekommen. Ich weiß es, weil es eine Frage ist, mit der ich selbst aufwuchs und die mich überallhin begleitet. Die Frage, die unterschwellig suggeriert, dass ich eigentlich nicht hierher gehöre. Und ich möchte dort leben, wo es mittlerweile normal sein sollte, Mitbürger∗innen zu haben, bei denen es egal ist, woher sie kommen, weil sie trotzdem hierher gehören, wenn sie hierher gehören wollen.

Ich merke, wie gut es tut, dort hinzugehen und auch mein Alltag strukturiert sich langsam. Von Dienstag bis Donnerstag verbringe ich von 13 bis 15 Uhr meine Zeit mit der Hausaufgabenhilfe und kellnere danach im Restaurant meiner Eltern. Meine nachmittägliche Tätigkeit erfüllt mich mit solch einer beruflichen Befriedigung, dass ich ab und zu mit dem Gedanken spiele, irgendwas in diese Richtung zu machen, „irgendwas mit Kindern“. Dann fällt mir jedoch ein, dass innerhalb einer ganzen Klasse eine andere Atmosphäre stattfindet und ich hier vor allem die individuelle Hilfestellung mag, die ich geben kann. Der Tag, an dem ich über zehn Kinder von 6 bis 14 Jahren alleine betreue, bestätigt mich nochmal darin.

Oftmals frage ich mich, so „gut“ ich es auch meine, wo die Grenze zwischen bloßer Hilfe und Paternalismus verläuft. Denn gerade bei Kindern fällt es mir schwer, sowas abzuschätzen, vor allem wenn verinnerlichter (antimuslimischer) Rassismus hinzukommt. So sehr ich bspw. eine klare Position in der „Kopftuch-Debatte“ beziehe, die sich in Deutschland auf das Recht auf Selbstbestimmung und Religionsfreiheit runterbrechen lässt, fragte ich mich trotz innerem Widerstreben bei T., ob sie ihr Kopftuch freiwillig trüge, war sie schließlich „erst“ 11 Jahre alt. Tatsächlich weiß ich heute nicht mehr, ob ich es dabei beließ oder ich sie sogar zaghaft danach fragte, aber es geht mich auch nichts an.
In einer meiner prägnantesten Erinnerung an T. lasen wir in einem der Leselöwen-Bücher von einem Liebesbrief und sie fragte, an wen dieser ginge. F. antwortete, natürlich an einen Jungen, denn die Verfasserin sei ja ein Mädchen gewesen. Daraufhin entgegnete T. in gebrochenem Deutsch: „Nein, auch Mädchen und Mädchen lieben sich!“
Ein anderes Mal saßen wir geschlagene zwei Stunden an über vier Seiten Mathehausaufgaben. Warum gibt man in der vierten Klasse so viele Hausaufgaben auf? Noch dazu kurz vor den Sommerferien? Meine Güte!

[Content Note: Im Folgenden werden rassistische Aussagen wiedergegeben. Wer dies nicht lesen möchte, empfehle ich, den 1. und 3. Absatz zu überspringen.]

Mit der restlichen Betreuung verstand ich mich ganz gut. Ich war bei weitem die Jüngste von allen, die regelmäßig kamen und somit auch die, die mit den nahezu kryptisch wirkenden Matheaufgaben klarkam. (Tatsächlich rede ich ohne Übertreibung von Aufgaben aus der ersten Klasse! Die Aufgabensteller∗innen ließen hierbei wirklich ihrer gesamten Kreativität freien Lauf, um die Grundlagen der Addition von Zahlen über 10 zu üben.) Ein Teil kam durchs Jobcenter hierher und ich hatte sie schnell sehr gern. Bis es um die Familien „vom Balkan“ („Machen die Hand auf und nehmen sich alles, aber die Wohnung hinterlassen sie als Saustall!“) ging oder die Angst vor „den Türken“, die „uns alle töten werden, wenn die in die EU kommen“, und vor „denen aus Afrika, die rennen uns doch hier alle ein!“

Im ersten Moment fühlte ich mich hilflos, im zweiten versuchte ich sie zu beschwichtigen, aber erfolglos. Diese Diskrepanz, auf der einen Seite all die geflüchteten Kinder aus arabisch- und dari-/farsisprachigen Ländern liebgewonnen und bereits viele Ressentiments gegen Muslim∗innen abgebaut zu haben, aber auf der anderen Seite immer noch solchen tiefsitzenden Rassismus ans Licht zu bringen, enttäuschte mich vor allem. Das war es also. Man kann mit Menschen so viel darüber diskutieren, sich ihrer „Berührungsängste“ annehmen, aber es wird immer eine weitaus tiefer liegende Überzeugung dessen geben, die nicht zu ändern sein wird.

Als ich zum letzten Mal den Raum betrat, in dem ich schon so vielen Kindern begegnete, musste ich enttäuscht feststellen, dass für diesen Tag niemand da war, der ihn später abschließen konnte und somit das ganze ausfallen musste. Ich unterhielt mich noch kurz mit den zwei Frauen, die dort ebenfalls arbeiteten, allerdings hatte ihre Arbeit nichts mit der Hausaufgabenhilfe zu tun. Die eine Frau hatte zuvor mit A. gesprochen, gefragt, wo denn seine Schwester sei. Er antwortete wohl, dass diese mit seiner Mutter zu Hause war. Die Frau beklagte sich, daran sehe man ja schon, wie „die gleich damit aufwachsen, dass die Frauen nie die Wohnung verlassen dürfen, und wenn, dann nur mit ihren Männern! Schrecklich ist das!“ Daraufhin nahm sie Anlauf, bis sie sich völlig wutentbrannt erregte wie: „Kriegsflüchtlinge sind noch in Ordnung, aber die, die hierherkommen, dass sind alles Wirtschaftsflüchtlinge! Neunundachtzig Prozent von ihnen sind Wirtschaftsflüchtlinge!“ Mein erster Instinkt waren Fakten, die ich nicht parat hatte, und schließlich hatte ich Angst, weil ich noch nie jemand Fremdes sich derart in Rage reden sah. Ihre Kollegin versuchte noch einiges zu relativieren. Ich verabschiedete mich und bereue es, dass ich nicht mehr entgegnete, dass A.s Schwester bereits viele Male allein mit ihrer Mutter herkam und diese sich freibewegte – ohne ihren Mann, der übrigens auch sehr nett war und dem wir manchmal bei seinen Deutschaufgaben halfen. Ich frage mich, ob es was gebracht hätte. Sie wäre wahrscheinlich still geworden, aber es schien, dass sich trotzdem nichts an ihren bereits für sie geklärten Wahrheiten geändert hätte.

Ende des letzten Jahres las ich „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Ich dachte daran, wie ich mit Leuten sprach, die eine gute Ausbildung genossen, mir komplizierte physikalische Vorgänge erklärten und trotzdem immer, wenn sie mich sahen, irgendwann gegen Geflüchtete hetzten – egal, ob ich nur von Apple Maps sprach. Ich dachte an die Leute, die im Restaurant meiner Eltern aßen und subtil antimuslimischen Rassismus raushängen ließen, sobald sie mich fragten, woher ich käme, wie gut Deutsch ich sprechen würde, und dann plötzlich diesen positiven Rassismus gegen antimuslimischen ausspielten. Es ist nicht nur die existenzielle Not, die einen die AfD oder Ähnliches wählen lässt. Was all die Menschen verbindet, ist Rassismus. Selbst wenn es einem egal ist – dass es einem egal ist, legitimiert diesen Rassismus.

2016 gab es 970 Straftaten gegen Asylunterkünfte, mehr als 450 Gewalttaten gegen Geflüchtete. Das macht fast 3 Straftaten gegen Asylunterkünfte, mehr als 1 Gewalttat pro Tag aus. Vor einigen Tagen gab es einen Brandanschlag auf ein bosnisch-islamisches Gemeindezentrum, während der Imam der Gemeinde dort schlief. Dieses Jahr sind Bundestagswahlen.