170703

Mir fällt auf, wie ungern ich mich als „links“ oder als Feministin label. Das hängt weniger mit der üblichen negativen Konnotation zusammen, die letzteres oftmals widerfährt, sondern eher mit dem Umstand, dass ich bei mir persönlich keinerlei Bemühungen feststellen kann, dieser Bezeichnung überhaupt gerecht zu werden. So sehr ich mit der Bandbreite an Ansichten konform gehe, immer wieder dazulerne und -lese, fällt es mir in der Realität schwer, mich aktiv zu beteiligen.

Ab und zu, als ich das Lernen in der Oberstufe hinauszögerte, diskutierte ich unter Facebookbeiträgen von Zeitungen und Radiosendungen mit Fremden. Internetdiskussionen fallen mir, wenn ich mich nicht durch zu viele öffentlich einsehbare Informationen über mich angreifbar mache, leichter. Ich kann mich ausklinken, wenn ich mag, und werde bestenfalls bestärkt durch ein paar Likes, durch die ich weiß, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine stehe.

Bei Freund∗innen und generell im öffentlichen Offline-Raum sieht es anders aus. Abgesehen davon, dass ich noch nie ein diskussionsfreudiger Mensch war und geradezu harmoniebedürftig bin, fällt es mir einfach schwer, nicht nur den Mut zum (Wider)Sprechen zu finden, sondern auch standzuhalten, obwohl mir danach wieder sämtliche Argumente einfallen. Sobald es zur Reproduktion von *ismen, sei es Rassismus, Sexismus, Ableismus etc., kommt, fehlt mir die Fähigkeit zur Intervention: das direkte Ansprechen und Kritisieren von problematischem Verhalten. Mittlerweile lasse ich zwar nicht mehr alles durchgehen, aber eben dennoch vieles. Ich halte mich zurück, soweit es niemanden gibt, der mich explizit darauf anspricht. Dank eines langsam sensibilisierenden Freundeskreises ist es kein Problem, da ich meist zumindest eine Person »auf meiner Seite« habe, durch die ich mich in solchen Situationen sicherer fühle.

Recht allgemein bisher gehalten, komme ich nun zu konkreteren Situationen. Als Person of Color, die einen fast ausschließlich Weißen Freundeskreis hat, konnte ich Rassismuserfahrungen nur mit dem Internet und einer langjährigen Freundin aus Kindertagen teilen. Die Erfahrung, beim Einkaufen »Was’n, F*dschi?!« ins Gesicht gesagt zu bekommen, weil ich vor dem Brotregal stehe, den Blick zu senken und zu tun, als würde man sie nicht sehen, wenn eine Gruppe Jungs laut höhnisch ruft: »Das gibt’s doch nicht! Ein echter J*pse!«, und wiederholt, bis es anscheinend langweilig wird, oder sich der Nachbar unterm Fenster beschwert, wie faul die Vietnamesen ja seien, während die Eltern mehr als 12 Stunden von Montag bis Sonntag durcharbeiten, diese Erfahrung teilen sie nicht. Ich kann davon erzählen, aber das Durchleben solcher Situationen ist ihnen fremd. Das Aufwachsen mit Klischees und der dadurch entstehende, gesellschaftliche Druck, sich einerseits gegen die Vorhersehbarkeit aufzulehnen, andererseits sich ebenso beweisen zu müssen, weil man sich als PoC doppelt so oft anstrengen muss, ist noch eine andere Sache.
In meinem persönlichen Freundeskreis fällt es mir daher schwer, solche »racial issues« anzubringen – bin ich schließlich die einzige, die damit noch am ehesten konfrontiert wird.

Das »R-Wort«

Puh. Das will wohl niemand hören, gerade bei einem toleranten Selbstverständnis, gerade wenn man selbst auf Anti-Nazi-Demos war, auf die ich nie ging, weil ich ja doch Angst vor Nazis hatte. Und obwohl ich auch hier schon darüber schreiben könnte, wie bigott es ist, die ganze Energie darauf zu verschwenden, bloß nicht mit diesem Begriff in Berührung zu kommen, anstatt mit dem angesprochenen Problem, welches der Auslöser dafür war, verstehe ich es. Niemand, außer vielleicht Nazis, will in Deutschland Rassist∗in genannt werden. Vor allem bei einer nicht-systematischen Vorstellung von Rassismus kann das Benennen von rassistischem Verhalten, von einem Hauch Rassismus, großen Widerstand entfachen. Die Folge: (trotziges, wütendes oder empörtes) Zurückweisen des Vorwurfs, Rechtfertigung, weshalb es nicht rassistisch war (mit eigener Auslegung, was Rassismus ist), Relativierung des Sachverhalts und der Kritik (»Jetzt übertreibst du / reagierst du über!«) und im schlimmsten Fall das »R-R-Wort«: Reverse racism.

Ich bestreite nicht, dass viele People of Color Derartiges ebenfalls internalisiert haben. Aber es ist vor allem eine (Trotz)Reaktion, die von Weißen Personen kommt, meist eben jene, die anderweitig kaum Erfahrung mit (intersektionaler) Diskriminierung machten. Wenn ich von Weißen rede, geht es hier nicht nur um das Privileg, nicht Rassismen ausgesetzt zu sein, sondern impliziert auch weniger Sensibilisierung dafür. Genauer ausgedrückt: Ignoranz.

Daran kann man arbeiten. Umso mehr ärgere ich mich daher, gerade in meinem Freundeskreis, nicht die Chance dazu zu geben, daraus zu lernen, weil ich weiß, dass es besser geht. Weil ich mich vor Konfrontation bzw. schlechte Stimmung fürchte, vor Diskussionen, denen ich nicht standhalten kann, und emotional ausgelaugt zu sein, da es sich hier nicht um Fremde handelt, sondern um Freund∗innen. Die Angriffsfläche ist größer, der Grad der Verletzbarkeit steigt.

Deswegen lasse ich es hier aus, halte mich zurück, bis ich irgendwann den Mut finde zu reden.

 

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