Gelesen: »Americanah« von Chimamanda Ngozi Adichie

Tl;dr: Lest dieses Buch, erst recht wenn ihr bisher nur Bücher von Weißen, männlichen Autoren gelesen habt. Dieses Buch gibt nicht nur einen Einblick darüber, wie es ist, als Schwarze in den USA Rassismus ausgesetzt zu sein, der ebenso in wesentlich subtileren Formen erscheint, sondern darüber hinaus ist es eine lebhafte Erzählung einer Rückkehr.

Es sind gerade erst wenige Stunden her, als ich das Buch beendete und beiseite legte. Normalerweise brauche ich meist danach ein wenig Zeit, recherchiere zur∗m Autor∗in und dem Roman selbst, lese Kritiken und Reviews, versuche meine Meinung irgendwo dort entlang einordnen zu können, aber bislang hat mich auch noch kein Buch derart schwer enttäuscht, dass ich da lange überlegen würde, ob ich dieses Buch nun weiterempfehlen könnte oder nicht.

Ich habe die schwere Angewohnheit, öfter über Bücher als sie selbst zu lesen. Entdeckt habe ich damals diesen Roman beim Kanon des jungen Jahrhunderts von Zeit Online. Von der Beschreibung her fand ich es interessant, aber nicht interessant genug, um es selbst sofort zu lesen. Also bestellte ich das Buch kurz vor Weihnachten, um es dann anschließend einer Freundin zu schenken. (Bisher funktionierte dieses Prinzip ganz gut, obwohl ich viele Bücher, die ich verschenkte, oftmals nicht selbst las und nur im Gefühl hatte, dass die Person das ausgewählte Buch mögen könnte, bedankten sich meist die Beschenkten noch einmal ausdrücklich nach der Lektüre.) Leider schaffte ich es nicht mehr, das Buch vor Weihnachten zu versenden, ehe ich selbst wieder zu meinen Eltern fuhr. So lag es vergessen bei C. rum, bis ich ihn wieder besuchte und neben all meinen anderen Sachen diesen Roman wieder mitnahm.

Weil ich im letzten Jahr trotz massig viel freier Zeit gerade mal zwei Bücher wirklich von vorne bis hinten durchlas, nahm ich mir für dieses Jahr vor, es wenigstens mit einem Buch pro Monat zu versuchen. Der angesammelte Stapel an Büchern reicht sowieso bei dieser Frequenz für geschätzt die nächsten zehn Jahre. Da fing ich also eines Nachmittags in der Straßenbahn mit »Americanah« an.

In der deutschen Übersetzung wird den gewöhnlichen Leser∗innen wahrscheinlich eines zuallererst eher unangenehm auffallen und so frage ich mich, nach welchen Überlegungen bei der Übersetzungen fortgefahren wurde: Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff »Rasse« im Bezug auf Menschen gerade im Hinblick auf die Shoah ein äußerst weitreichend abzulehnender Begriff. Im angloamerikanischen Raum widerfuhr dem Begriff »race« hingegen eine andere Bedeutung im Laufe der Zeit, die klar abgegrenzt werden sollte von der eigentlich deutschen Entsprechung »Rasse«. So ist – das klingt vielleicht erst einmal paradox – »Rasse« nicht gleich »race«. Denn »race« wird mittlerweile als soziale, kulturelle Konstruktion verstanden, die gewissermaßen Menschen mit dem gemeinsamen Erfahrungshintergrund, Rassismus ausgesetzt zu sein, begreift. Gerade in den USA, die durch Kolonialisierung, Sklaverei, gewaltsame Unterdrückung, ein rassistisches Rechtssystem und verschiedene Einwanderungswellen geprägt wurden, muss es, um die Komplexität von – gerade intersektionalen – Diskriminierungsmechanismen allmählich zu erfassen, zu einer solchen Benennung kommen. Denn, so heißt es auch im Buch: »[Race] ist keine Biologie, [race] ist Soziologie.«
Um den Unterschied zwischen der jeweiligen Historie beider Begriffe zu verdeutlichen und zu markieren, bevorzuge ich persönlich also den Gebrauch von race statt »Rasse«, möchte aber keinesfalls die Legitimität der Übersetzung absprechen, da ich eben die Gedankengänge dazu nicht kenne.

Durch diese Anmerkung kann eins sich wahrscheinlich schon denken, worum es u.A. in dem Buch geht: Ifemelu, aufgewachsen in Nigeria, emigriert mit einem Stipendium fürs Studium in die USA. Während race in Nigeria kaum eine Rolle im Alltag spielte, wird sie nun damit konfrontiert. Sah sie sich vor ihrer Einreise nicht als Schwarze, unterscheidet sie schließlich in ihrem Blog zwischen AS und NAS – amerikanische Schwarze und nicht-amerikanische Schwarze, die allesamt ähnliche Rassismuserfahrungen teilen. Ihr langjähriger Freund Obinze muss allerdings in Nigeria bleiben und durch Post-9/11 gibt es keine Chance auf eine Einreise in die USA, sodass er in der Hoffnung auf ein besseres Leben sich schließlich illegal in Großbritannien aufhält.

Das ist nur ein kleiner Teil der Handlung. Im Grunde reichen die eingeschobenen Rückblicke auf Ifemelus und Obinzes Leben so weit, dass ich als Laie das Buch eigentlich als Bildungsroman einordnen würde, denn der beschriebene Teil gehört zum Zeitpunkt des Einsetzen der Handlung der Vergangenheit an.
Sobald es einen Identifizierungsmoment in einem Roman gibt, wird das Lesen für mich zu einer sehr persönlichen Sache. Die Entwicklung beider Protagonist∗innen über ihre Jugend- und Studienzeit hinaus mitzuverfolgen, war der Grund, weshalb ich nicht nur aufgrund der zahlreichen scharfen Analysen und Beobachtungen der nigerianischen und us-amerikanischen gesellschaftlichen Verhältnisse, für die das Buch besonders gelobt wurde, die rund 600 Seiten in kürzester Zeit – wie lange nicht mehr – zu Ende las. Kurz bevor ich ohne wirkliche Erwartungen den Roman anfing, überkam mich das starke Interesse daran, wie sich Menschen in ihrer Persönlichkeit entwickeln, wie die Jugendlichen, die so und so drauf waren, zu den und diesen Erwachsenen wurden. Nicht zuletzt, wenn ich ehrlich bin, weil ich gerade selbst »mittendrin« stecke.

Damit will ich das Buch aber auch nicht allein darauf reduzieren – im Gegenteil. Ich überlegte lange, ob ich überhaupt darüber schreibe, denn nach den ersten paar Seiten wusste ich, dass es mich nicht enttäuschen würde. Dieses Buch in irgendeiner Art und Weise zu erfassen, erschien mir aber kaum möglich. Allein die Handlung zu beschreiben und somit auf irgendwas zu reduzieren, fällt mir schwer. Denn die Handlung besteht aus den Geschichten verschiedener Individuen, die allesamt in irgendeiner Weise gesellschaftliche Phänomene und Probleme zum Ausdruck bringen, aber doch nur insofern, dass nicht die Figuren sich darauf reduzieren lassen, sondern davon berührt werden, indem sie das System mittragen.

Letztlich war es allerdings auch so, dass ein Großteil der Bücher, die ich in meinem Leben bisher las, von Weißen Menschen geschrieben wurden, bei denen ausschließlich Weiße Charaktere vorkamen und meistens Geschichten aus derselben (Weißen Mehrheits-)Gesellschaft beschrieben, in der ich selbst lebe. Diesen Aspekt hierbei rauszulassen, fühlt sich für mich nicht richtig an, daher schreibe ich ihn dazu. Sich etwas einzugestehen, ist nämlich zumindest der erste Schritt zu einer Besserung. Denn mir fehlte bisher (und immer noch, aber zumindest nicht allzu sehr wie vorher) ein realistisch(er)es Bild von »Afrika« – in Anführungszeichen gesetzt, weil trotz starker Ablehnung der verbreiteten kolonialen, »westlichen« Vorstellungen des Kontinents, die allesamt in Richtung »noch nicht so entwickelt wie ›wir‹ (der Westen, ›besser‹) es sind« gehen, immer noch gewisse Bilder bei mir internalisiert sind.
Um diese abzubauen, helfen mir solche Geschichten, weil sie das, was ich in schwammiger Vorstellung zwar vermute, dass z.B. technologische Fortschritte genauso Einfluss nahmen, nun in meinem Kopf in Konkretes, »Fassbares«, festigen. Und erfrischend ist es auch, wenn das vage Bild der Charaktere, das sich beim Lesen auftut, auch mal Schwarze Menschen beinhaltet.

Gerade in dieser Hinsicht wird mir nochmal klar, wie unfassbar viel es noch aufzuarbeiten gibt und auch in dem Buch angesprochen wurde. Die vielen Themen, die es anstreift, sind eben nur ein Gipfel eines Eisberges, die aber durch »Americanah« nochmal deutlich sichtbar gemacht wurden.

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