Erinnern lernen

Das Erinnern an die Shoah ist ein lebenslanger Prozess des Lernens und Reflektierens, des Sich-immer-wieder-damit-auseinandersetzens, weil es nie zu einem Ende damit kommen wird und darf. 

Sommerferien 2011. Die 8. Klasse ist nun vorbei und ich fahre mit Freund·innen zum ersten Mal ohne Erwachsene mit dem Schülerferienticket nach Berlin. Vom Hauptbahnhof aus gehen wir am Brandenburger Tor vorbei und halten beim Holocaust-Denkmal. Wir laufen darin rum, bleiben stehen, ich mache Fotos, wir grinsen, dann machen wir ein trauriges, weil wir anscheinend bei einem Denkmal sind, bei dem man traurig sein muss. Wir laufen weiter rum und irgendwann gehen wir raus, zum Potsdamer Platz und essen Eis.

In Geschichte lernten wir in dem Schuljahr was über den „Sonnenkönig“ Ludwig XIV., die französische Revolution und Napoleons Kaiserreich.

Ich wusste, Hitler war böse und es gab Nazis, die Jüd·innen und Menschen wie mich, also „Nicht-Arier“, umbrachten. Die Zeit des Nationalsozialismus war für mich eher ein graues, verschwommenes Etwas, über das ich in den Medien ab und zu hörte und das auf alle Fälle interessanter schien als die Jahrhunderte, die davor stattfanden und die wir bisher im Geschichtsunterricht behandelten. Aber was es damit genau auf sich hatte, lernte ich erst ein halbes Jahr später und verstand nur langsam.

Paar Jahre später dämmerte mir erst, wie beschämend die Fotos sind. Ein wenig Nachsicht hatte ich dennoch mit meinem 14-jährigen Ich: Die Schule hatte uns einfach zu spät mit der Shoah auseinandersetzen lassen. Ich wusste sie noch nicht in ihren Dimensionen zu begreifen.

Im Unterricht fragte ich mich: „Wäre ich da mitgelaufen?“ Ich hoffte: Nein. Doch ehrlich: Vielleicht? Wahrscheinlich?

Auf der einen Seite wurde mir im Laufe meines Lebens oft genug klar gemacht, irgendwie „anders“ zu sein: nicht Weiß, nicht blond oder braunhaarig, nicht groß, nicht „deutsch“. Diese Erfahrungen haben mich zusätzlich in meiner Wahrnehmung geprägt. Wäre ich daher in diesem Körper in die Zeit des Nationalsozialistischen Deutschen Reichs versetzt worden, hätte ich womöglich nicht einmal die Chance gehabt „mitzulaufen“. Auf der anderen Seite: Wäre mein „Anderssein“ nicht, wäre ich derart zu beeinflussen gewesen? Hätte ich faschistische Strukturen gutgeheißen, hätte ich im Bund Deutscher Mädel Freundschaften geschlossen und die Ausflüge und Wanderungen mit Lagerfeuern zu den schönsten Erlebnissen meiner Jugend gezählt, während um mich herum Jüd·innen, Sinte·zza und Rom·nja, politische Oppositionelle, Homosexuelle, sogenannte Asoziale, Behinderte und unzählige weitere Marginalisierte deportiert wurden?

Als eine Umfrage auftauchte, in der Deutsche befragt wurden, ob sie sich schuldig fühlten, antwortete der Großteil „Nein.“ Ich verstand den Kern der Frage nicht. Wäre eine viel bessere nicht gewesen, ob sie sich verantwortlich dafür fühlen, dass dies nie wieder geschehe?

Ich lernte, dass viel wichtiger als „Wäre ich da mitgelaufen?“ eigentlich „Lasse ich das heute zu?“ ist. Denn die Antwort darauf kann ich im Gegensatz zur ersten Frage aktiv gestalten.

Das Dritte Reich ist nicht meine Familiengeschichte, aber die Werte und Normen, die ich in dieser Gesellschaft erlernte und mit denen ich aufwuchs, haben mich geprägt. Eine Gesellschaft mit antisemitischen, rassistischen, dyacissexistischen1, misogynen2, klassistischen3 und ableistischen4 Strukturen, die ich im Laufe meines Lebens verinnerlichte und in meinem Denken und Handeln reproduzierte und noch reproduziere, die ich eingestehen und wieder ent-lernen muss.

Das Erinnern lässt mich mit der Geschichte konfrontieren, die uns bis heute prägt und immer prägen wird. Daher sehe ich mich in der Verantwortung, gerade weil ich hier lebe, Ähnliches nicht zuzulassen. Ich bin nicht schuld an der Shoah, aber ich bin es den Opfern des Nationalsozialismus schuldig und all den Menschen, die heute Opfer struktureller Gewalt, Diskriminierung, Marginalisierung sind.

 


1 „dya“ von dyadisch: Menschen, deren Körper der zweigeschlechtlichen Norm unterliegen also nicht intersexuell; cis: Menschen, die sich mit dem zu ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren also nicht transgeschlechtlich; Dyacissexismus bezeichnet im Grunde die Diskriminierung und Marginalisierung von Menschen, die dieser Norm (dyadisch cis) nicht entsprechen bzw. bedeutet die Durchsetzung dieser Norm aufgrund von Diskriminierung und Marginalisierung von intersexuellen und transgeschlechtlichen Menschen

2 Misogynie: Frauenfeindlichkeit, darunter auch Ablehnung und Stigmatisierung von „Feminität“, insbesondere hervorzuheben sei noch Transmisogynie: die Diskriminierung von trans Frauen

3 Klassismus: Diskriminierung „schwacher“ sozialer Klassen

4 Ableismus: Behindertenfeindlichkeit und Stigmatisierung psychisch „Kranker“ (Anm.: in Anführungszeichen gesetzt, da – wie jede Art von Diskriminierung – die vorherrschende Norm zum Stigma beiträgt, in diesem Fall also was gesund ist, weshalb der Begriff neurodivergent zu bevorzugen ist)

Ich entschuldige mich schon mal vorab, wenn die Erklärungen oder Formulierungen nicht vollständig, gar falsch sind und bitte um Anmerkungen und/oder Verbesserung!

 


Nachtrag 02.02.2017: Ich hab sehr gezögert, als ich diesen Beitrag veröffentlichte und tue es noch. Habe ich mich damit selbst zu sehr in den Vordergrund gestellt? Habe ich irgendwas relativiert? Könnte es falsch verstanden werden? Habe ich etwas falsch vermittelt? Habe ich etwas nicht bedacht? Fakt ist: Ich trage die deutsche Geschichte ebenfalls mit mir, auch wenn meine Großeltern nichts mit der NS-Zeit zu tun hatten. Ich komme nicht aus der Verantwortung heraus, immer und immer wieder zu reflektieren und mich damit auseinanderzusetzen. Und ich täte dies auch nicht, wäre ich in einem anderen Land geboren worden. Aber gerade hier, wo ich immer mit dem Wissen aufwuchs, dass die Shoah stets Teil dieses Landes ist, muss eine immense Verantwortung dafür hervorgehen – immer. Es darf sich nicht darum drehen, sich davon loszureißen, sondern im Gegenteil, sich dem immer wieder zu stellen. Es geht nicht um Schuld oder Unschuld der Nachfolgegenerationen, sondern die Schuld „unserer“ Großeltern immer vor Augen zu haben und Verantwortung daraus zu ziehen.
Natürlich reicht das Gedenken nicht allein, es müssen auch Taten und immer noch ausstehende Entschädigungen folgen. Aber: „Gedenken braucht Wissen, Wissen, das Erkenntnis werden will, sonst wird Gedenken zu Manipulation.“ (Volkhard Knigge, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora)

Ich muss noch eine Menge lernen, ich mache immer wieder Fehler. Zu jeder Erkenntnis, die ich gewinne, kommen noch hundert weitere, von denen ich noch nichts weiß. Aber ich versuch’s.

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