Bildlos

Nachdem ich zum wiederholten Male alte Fotos durchschaute, kam ich zu der unbefriedigenden Erkenntnis, dass ich diese nahezu magische Begeisterung für das Einfangen besonderer Momente verloren habe.

Als ich meine Spiegelreflex, damals gerade 13, zum ersten Mal auspackte, ließ ich sie gefühlt nie wieder los. Kaum eine Woche verging, in der ich nicht permanent etwas fotografierte. Jeder Gegenstand im Haus, jede Blume im Garten, jeder Moment draußen hatte plötzlich etwas derart Faszinierendes an sich, das ich unbedingt festhalten musste. Irgendwann folgten die Menschen. Ich fotografierte Freund•innen, wenn wir uns trafen, fotografierte Feste, die stattfanden, selbst die Kunstausstellungen, die von unserer Schule ausgerichtet wurden. Ich fing früh an, die Fotos zu bearbeiten. Veränderte die Wärme des Lichts, erzeugte eine andere Wirkung, teilweise dramatischer, auf alle Fälle verstärkender. Ich liebte diese Art der Manipulation, dass allein die Farben eines Fotos die gesamte Atmosphäre verändern konnten – und natürlich nicht auch zuletzt das Licht, dem ich an lauwarmen Sommerabenden mit dem Fahrrad hinterher jagte.

Die Fotos aus Vietnam, die ich ein halbes Jahr nach Erhalt der Kamera machte, ein Sommer im Jahr 2010, sind noch heute einer meiner liebsten. Mein Hauptobjektiv, ein Reisezoom, der die Brennweiten von 18-200mm abdeckte, ging bedingt durch die hohe Luftfeuchtigkeit kaputt – ich musste alles manuell machen. Es war ärgerlich, allerdings ließ ich mich davon den Sommer über nicht beirren und fotografierte so gut wie alles, was in meinen Blickfeld rückte. Ich hatte nicht viel Ahnung von Kompositionen, hatte nur natürliches Licht zur Verfügung, und wahrscheinlich war es dieser Leichtsinn, der mich unbefangen tatsächlich einzigartige Momente einfangen ließ und ich mich so vollkommen der Fotografie hingab, ohne nachzudenken.

Angetrieben wurde ich vor allem durch Fotografien namenloser Urheber•innen, die mich kurz erstaunt zurückließen und nur »Das will ich auch!« denken ließen. Nahm ich früher alles ungefiltert auf, ist mein Blick heute kritischer. Schöne Fotografien berühren mich zwar noch ästhetisch, lösen aber keinen Antrieb mehr aus, das ebenfalls können zu wollen. Vielleicht ist es die Flut an großartigen Aufnahmen, die täglich in meinen Feed gespült werden, vielleicht bin ich einfach nur zu übersättigt von den ja doch banalen Szenen, die abgebildet werden. Vor allem aber fehlt mir die Aufmerksamkeit für das Schöne im Alltag. Ich bewundere all die Menschen, die tagtäglich noch etwas finden, das sie fasziniert ob der Ästhetik eines einfachen Lichteinfalls darauf zurücklässt. Gerade jetzt im Studium, während ich mich mit eher abstrakten Dingen beschäftige, hätte ich einerseits gerne diesen Ausgleich, auch nur –im wahrsten Sinne des Wortes – oberflächlich auf etwas zu blicken und mich daran zu erfreuen, andererseits scheine ich dennoch nicht wirklich gewollt zu sein. Wobei ich nach längerer Reflexion beim Schreiben dieses Gedankens noch darauf komme, dass ich nicht derart unaufmerksam durch die Gegend laufe. Letztendlich verzichte ich nur darauf, meine Kamera zu zücken, will ich den Moment einfach genießen und nicht damit verbringen, die richtigen Einstellungen zu finden.

Eine Freundin riet mir bereits, einfach ständig eine Kamera mitzuführen. Die letzten Male war sie jedoch unnötiger Ballast. Jetzt, wo ich mich in einer neuen Stadt, in einer neuen Umgebung wiederfinde, könnte sich dies allerdings als neue Chance erweisen. Ich bin noch etwas unschlüssig, insbesondere aufgrund meiner These, dass mittlerweile nahezu jede einzelne Ecke Berlins bereits abgelichtet wurde und man daraus durch eine Art riesiger Collage ein zweites Berlin zusammenstellen könnte, würde man alle existierenden Fotos zusammenbringen. Da war es in einer unbedeutenden Kleinstadt doch etwas einfacher, aber vielleicht sollte ich mich davon einfach nicht demotivieren lassen.

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