#toostressedoutforschool

Note: Dieser Text bzw. dieser aus mehreren Fragmenten bestehende Text entstand im Zeitraum Mai-Juli 2014. Er ist also ganze 2 Jahre her und gehörte eigentlich noch auf meinen alten Blog. Veröffentlicht habe ich ihn damals jedoch nicht. Obwohl ich mit der Schule und dem ganzen Druck, der sich über die Oberstufe aufstaute, mittlerweile abgeschlossen habe, finde ich es dennoch wichtig, diese Gedanken festzuhalten, da ich bei weitem nicht die einzige war, der es so erging, und in all diesen Bildungspolitikdebatten stets über aber selten mit Schüler•innen gesprochen wurde.

6 bis 8 Stunden. 5 Tage die Woche. 11 Jahre. Schule. Mir fehlt noch exakt ein Jahr und ich bin offiziell fertig. Gefühlt bin ich es aber schon jetzt.

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Die physikalische Formelgleichung für Druck lautet p = F/A. Das heißt, eine bestimmte Kraft wirkt auf eine bestimmte Fläche ein.

Übertrage ich diese Gleichung auf mich, bedeutet dies, dass ich die Fläche sein muss und all das, was auf mich einwirkt, so enorm groß ist, dass der sich daraus ergebende Quotient ebenfalls enorm groß ist. Der Druck ist groß. Enorm groß.

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Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich in der 7. Klasse zu einer Freundin sagte: „Mach dir nicht so einen Kopf wegen der schlechten Note. Hauptsache, du verstehst, was du lernst. Die Noten spielen doch erst im Abi eine wirklich wichtige Rolle.“

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Mein Zeugnisdurchschnitt bewegte sich seit Aufenthalt am Gymnasium zwischen 1,4 und 1,9. Ich wusste stets, dass ich besser sein könnte. Denn ich lernte nie wirklich. In der Klasse gehörte ich mit ein paar anderen zu den Klassenbesten, notentechnisch war ich sogar konstant die Drittbeste. Meine besten Fächer konnte ich eine zeitlang nicht nennen, da ich nirgendwo das Gefühl hatte, irgendwo herausragend gut zu sein. Meine Fähigkeiten verteilten sich gleichmäßig auf die sprachlichen und naturwissenschaftlichen Zweige, wobei ich eher zu den Sprachen tendierte, auch wenn ich in Mathe wiederum kaum Probleme hatte. Meine einzige Schwachstelle war Sport, was ich meist mit einer 4 auf dem Zeugnis abschloss.

Ich hatte Fächer, bei denen ich mir sicher sein konnte, am Ende des Jahres auf 1 zu kommen. Alle anderen Fächer schwankten stets zwischen 1 und 2, sodass ich rückblickend auf die letzten Zeugnisse, in jedem Fach (abgesehen von Sport und Astronomie, was wir nur ein Jahr lang hatten) irgendwann mal mindestens eine 1 hatte. Sie war also durchaus erreichbar. Und darum geht es mir: um die Erreichbarkeit, etwas in (fast) vollem Umfang zu verstehen und anwenden zu können. Denn so las ich meine Noten meist. Ich wollte verstehen, was richtig und was falsch ist, aber vor allem warum. Natürlich ärgerte ich mich auch, wenn ich einen Punkt an der besseren Note vorbei war, aber war ich überhaupt in der Lage, diesen fehlenden Punkt zu vermeiden? War es ein Schusseligkeitsfehler oder eine falsche Schlussfolgerung, die ich sowieso nicht mehr während der Arbeit hätte korrigieren können?

Ich wollte verstehen und ich ging, seit ich eingeschult wurde, davon aus, dass ich alles verstehen könnte, wenn ich mich nur intensiver damit auseinandersetze. Und es klappte. Ich verstand Dinge. Ich verstand den Stoff, der uns beigebracht wurde, kann mich meist noch Jahre später daran erinnern, kann Verknüpfungen mit allen anderen Fächern bilden, habe in meinem Kopf über die Jahre ein riesiges Weltbild aufgebaut, das sich vor allem chronologisch zusammensetzt. Und ich dachte jahrelang, darum ging es. Zusammenhänge in der Welt zu erschließen und dieses ständige  „Warum?“ beantworten zu können.

Und nun, quasi kurz vor meinem Abitur, Ende meiner Schulzeit, bekomme ich das Gegenteil meiner Auffassung zu spüren. Es geht doch um Noten.

Denn sonst verstehe ich nicht, wieso man den Bewertungsmaßstab runterschraubt, während der Lehrplan beim Alten bleibt. Dieser vollgestopfte Lehrplan, dessen einziger Zweck anscheinend darin liegt, möglichst schnell abgearbeitet zu werden, egal, ob wir den Stoff verstehen oder nicht, ob wir Fähigkeiten vollständig entwickelt haben oder nicht. Hauptsache, wir haben ihn durch und bekommen gute Noten, auch wenn wir nicht wissen wieso. 12 Jahre müssen eigentlich lang genug sein, denkt man sich, aber nein, nicht so.  Vielleicht will ich den ganzen Stoff nicht nur in mich sinnlos reinpauken, um ihn dann – natürlich nur metaphorisch – bei der nächsten Kontrolle auszukotzen, nein! Ich würde auch gerne verstehen (!), was ich da lerne, und ihn anders in Zusammenhang bringen, weil der Lehrer es mir leider nicht richtig vermitteln konnte, aber wir auch keine Zeit dafür haben, uns wirklich intensiv damit auseinanderzusetzen. Was soll ich mit Wissen, das ich nicht verstehe und nur lerne, weil der Lehrplan es verlangt? Was soll ich mit Wissen, das mir in Sekundenschnelle ohne Zeit zum Reflektieren eingetrichtert wird, mit mahnendem Unterton, es komme im Abitur dran, aber machen wir schnell mit dem nächsten Thema weiter, sonst schaffen wir es bis zum Ende des Schuljahres nicht! Was soll ein Unterricht, der darauf ausgelegt ist, die ganzen Themen so schnell wie möglich zu behandeln statt ihn zu vertiefen?

Mir kommt es manchmal vor, als hätte ich versehentlich ein Schuljahr verpasst. All der Lernstoff, der sich plötzlich ansammelt, wächst gefühlt exponentiell mit jedem Moment, in dem man ihn kurz aus den Augen verliert, in die Höhe. In jeder Woche irgendwelche Tests, in denen es nicht mehr reicht, das Thema der letzten Stunde verstanden zu haben, sondern auch das der vorletzten und vorvorletzten und überhaupt seit Anbeginn des Schuljahres auswendig zu können. Hausaufgaben werden in einem Zeitraum von einem Tag aufgegeben, die je nach Grad der eigenen Intensivierung des behandelten Stoffs mal gut vier Stunden oder länger dauern. Hinzu kommen noch Hausaufgaben aus anderen Fächern, die genauso viel Zeit benötigen, und zack! Der innere Schweinehund ist gerade zu müde; mal kurz’n Nap einlegen – oh! Plötzlich sind drei Stunden rum, Hunger hab ich jetzt auch. Vielleicht schnell mal kochen; Mittag esse ich sowieso nicht mehr, also darf es doch mal was Aufwändigeres sein. Schon 20 Uhr?! Hausaufgaben habe ich immer noch nicht gemacht, geschweige denn für morgen gelernt. Na wenigstens einen Teil der Hausaufgabe – ich versteh’s nicht, das ergibt keinen Sinn. Mitternacht?! Ich bin so müde. Dann steh ich eine Stunde früher auf und lerne da nochmal. Verschlafen, super. Gut, dass wir noch die Hofpausen dazwischen haben. Ich kann mich bei der Lautstärke nicht konzentrieren, fuck. Okay, ich kriege das auch schon so hin. Fuck, fuck, fuck. Ich weiß nichts mehr. Puhh, noch 09 Punkte, also eine 3+. Hätte weitaus schlimmer sein können. Aber mein Schnitt ist versaut. Ich komm nicht mehr auf 13 (1-), geschweige denn 14 (1). Bye, Zielnotendurchschnitt!

Klar, es heißt immer „Ihr seid freiwillig auf dem Gymnasium“ und manchmal, da würde ich gerne sämtliche Hefter in die Luft schmeißen und antworten: „Gut, dann geh ich!“ Aber mir fällt dann wieder ein, dass ich doch gerne studieren würde. Außerdem ist es nur noch ein Jahr.

Dennoch ist mir dieser Abschluss nichts wert, wenn das heißt, ständig in Panik zu verfallen, Nächte durchzuweinen und meine psychische Stabilität dafür einzubüßen. Wegen einer Zahl. Wegen einer verdammten fucking Zahl. Ich habe bisher öfter wegen Noten geweint als wegen Menschen. Ich habe mich über meine Noten definiert und diese als Maßstab für meine „Wertigkeit“ genutzt, was natürlich völlig absurd ist. Ich bin keine Arbeitskraft, die den Ansprüchen eines Marktes gerecht werden muss, ich bin ein Mensch. Ich kann auch ohne herausragende Noten herausragend sein – ach was! Ich muss nicht einmal besonders sein, ich kann auch normal sein, keinen Extremen nachgehen, ich muss mich nicht einmal auf irgendwelche Begriffe reduzieren lassen, um irgendeinen Platz in der Gesellschaft zu haben, ich muss im Prinzip gar nichts. Aber ich will. Ich will gesund sein und das kann ich nicht, wenn ich mich ständig unter Druck setze. Und ich kann es nicht mitansehen, wie es nicht nur mir so ergeht, wenn »schlechtere« Schüler sich wochenlang mit nicht auskuriertem Virusinfekt und Grippe zur Schule schleppen, weil sie es „sich nicht leisten können, noch mehr zu verpassen“.

Es ist einfach ermüdend.

2 thoughts on “#toostressedoutforschool

  1. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Ich konnte mich in deinen Schilderungen komplett wiederfinden! Ich bin seit einer Woche fertig mit meinen schriftlichen Abi Prüfungen und hab jetzt relativ lange Zeit bis zu meiner mündlichen und erst jetzt fällt mir auf, wie sehr mein Leben sich nur um Noten und Schule gedreht hat. Dabei ging es nicht ums Lernen sondern nur um die Noten.
    Bestes Beispiel, Montag nach dem Anschlag in Paris, passiert im Sozialkundeunterricht, wo es ja eigentlich um Politik geht: „Ihr wisst ja alle bestimmt, dass in Paris terroristische Anschläge waren, aber wir haben jetzt keine Zeit darüber zu sprechen und es passt nicht in unseren Zeit- und Lehrplan. Im nächsten Semester sprechen wir mal drüber“ Ja gut, im nächsten Semester war natürlich auch keine Zeit mehr dazu. Mit dem realen Leben hat Schule überhaupt nichts mehr zu tun…Schade eigentlich, die Idee Kindern und Jugendliche etwas für das zukünftige Leben beizubringen, wird meiner Meinung nach, schon lange nicht mehr verfolgt
    Danke für den super Post!

    1. Vielen, vielen Dank erst einmal! n_n Ich freue mich auch sehr darüber, von anderen Erfahrungen zu hören, auch wenn das Beispiel wirklich frustrierend ist. Ich finde es auch ziemlich paradox, dass ausgerechnet die letzten zwei Jahre an der Schule genau die sind, die von der Lebenswirklichkeit am meisten entfernt sind.

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