quit 2015

2015

 

Januar

Nachdem ich ein äußerst mieses Jahr hinter mich ließ, ging es wieder bergauf. Meine Wochen waren immer noch geprägt von praktischen Fahrschulstunden, Tests und den ersten Vorabi-Klausuren. Vor allem lernte ich viel für Geschichte, war umgeben von bpb-Heften und Aufzeichnungen. Gebracht hat es mir notentechnisch leider nicht viel.

 

Februar

Meine letzten richtigen Ferien. Und meine erste (und hoffentlich ebenso letzte) Weisheitszahn-OP. Mein Gesicht war plötzlich quaderförmig und Zahnschmerzen sind die Hölle auf Erden. Pumpt euch unbedingt mit Schmerzmitteln zu. Ich tat es in der ersten Nacht leider nicht. Ansonsten flogen meine Eltern für zwei Wochen nach Vietnam. In dieser Zeit war C. bei mir und das war ganz schön, weil wir uns sonst immer nur einmal, zweimal im Monat für wenige Tage sahen. Weitere Tests und Klausuren. Ich hatte jeden Tag Hausaufgaben auf, aber anscheinend habe ich durchgehalten. Außerdem weitere Fahrschulstunden.

 

März

Vor allem viele Klausuren, das Halbjahr neigte sich schließlich dem Ende zu, zwischendurch weiterhin Fahrschule. Zitat aus meinem Tagebuch „Großes Paradoxon in meinem Leben: überall zu langsam, nur im Auto zu schnell ???“

 

April

Notenschluss. Endlich. Freunde wieder getroffen. Erste Vorbereitungen zur Thailandreise im August. Bestandene Fahrprüfung. Endlich. Nach offiziell 2 Jahren war ich fertig. Die Theoriestunden bereits im Sommer 2013 abgesessen, ließ ich mich fast ein Jahr lang nicht mehr in der Fahrschule blicken. Teilweise Verdrängung und Angst. Dann rappelte ich mich irgendwie doch noch auf, machte die theoretische Prüfung im Sommer und hatte danach Praxisfahrstunden, die erst schnell, dann durch einen Krankenhausaufenthalt sehr langsam vorangingen. Ich brauchte ein Dreivierteljahr, mein Fahrlehrer war glücklicherweise sehr geduldig und ich bestand gleich im ersten Durchlauf. Knapp, aber bestanden! In der Schule verstrichen die letzten richtigen Unterrichtsstunden. Eine Mottowoche mit allerlei Verkleidungen und schließlich der Letzte Schultag bildeten den Abschluss meiner Schulzeit. Nach einem durchgetanzten Freitag, einem Kneipenbesuch am Samstag und einem mit literaturepochenwiederholendem Sonntag ging es den folgenden Montag mit der ersten Abiturprüfung weiter: Deutsch auf grundlegendem Niveau. Danach der schriftliche Teil des Großen Latinums, Französisch (erhöht).

 

Mai

Mathe (erhöht), Geschichte (grundlegend), Pause. Jetzt musste ich mir darüber Gedanken machen, was ich das nächste halbe Jahr machen wollte. Eine Mitschülerin erzählte mir vom FSJ Kultur. Ich wollte auf alle Fälle noch nicht studieren. Die Fertigstellung des Abibuchs drängte noch mehr. Ansonsten hatte ich eine OP, traf ich mich mit Freund*innen, ging zu den Konsultationen und verbrachte Nachmittage mit Shopping Queen und Kant.

 

Juni

Bewerbungsgespräch bei meiner jetzigen FSJ-Kulturstelle. Es ging alles sehr schnell, nach zwei Stunden erhielt ich direkt eine Zusage. Damit musste ich mich nicht mehr um meine Zukunft sorgen. Die Prüfungsergebnisse lagen vor. Ich werde den Moment nicht mehr vergessen, als ich dieses lächerliche Blatt aus der Klarsichtfolie zog und die Noten kaum glauben konnte. Dass ich es einfach nicht fassen konnte, wie ich zwei Jahre lang, fast 710 Tage, mit mir kämpfen musste, teilweise völlig orientierungslos dabei umherirrte, weil ein über zehn Jahre manifestiertes Selbstverständnis plötzlich zunichte gemacht wurde. Mit jeder Unterrichtsstunde mehr. Fächer und Fähigkeiten, die ich glaubte, sicher zu beherrschen, erwiesen sich als ungeheuren Kraftakt, den ich nur mit monoton fallender Motivation schwer aufbringen konnte. Ich wusste nicht mehr, worauf ich nun vertrauen konnte, ob ich in irgendwas noch so gut war wie früher, ob ich mir vielleicht nur zehn Jahre lang etwas einbildete. Hochstaplerin. All die Klassen ungeschoren durchgekommen, jetzt kam alles raus. Dabei war das Thema Bildung mir so wichtig, interessierte ich mich für die Metaphysik unseres Schulsystems und erfreute mich am Prozess des (Er)Lernens.

Nebenbei noch die ganzen engen Freund*innen, deren Leistungen allerdings konstant sehr gut blieben, teilweise besser wurden. Es lag also einzig an mir. Ungewollte Vergleiche mit ihnen durchziehen die Unterrichtsstunden, in denen ausgewertet wurde. Wenn der einzig sichtbare Maßstab aus Noten besteht, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich dem zu ergeben und sich danach zu messen, schließlich sich fragend, wie man an diese intelligenten Menschen überhaupt rankam. Panik, Enttäuschung, Wut, letztendlich Resignation und Leere bleiben einem schließlich nach solchen Monaten noch, wenn man nachts durch den Schnee stapfend weder weiß, wohin mit einem, noch ob. (2014)

Und dann dieser fürchterliche Moment, Donnerstag, 4. Juni 2015, als ich dieses lächerliche Blatt mit den Prüfungsergebnissen aus der Klarsichtfolie langsam herauszog, diesen Moment werde ich nicht wieder vergessen, wie dort schwarz auf weiß Zahlen standen, die doch einfach nur Zahlen waren und dennoch so viel Einfluss auf mich ausübten. 2 Jahre lang. 12 Jahre lang.

Die gesamte Verzweiflung, die Orientierungslosigkeit, die Nervenzusammenbrüche, die ganze Panik, die plötzliche Angst vor einem Ort, der mir den Großteil meines Lebens Sicherheit bot, und gleichzeitig die innerhalb von Sekunden hochgeschossene exorbitante Erleichterung, der Zwanzigtausend-Tonnen-Felsen, der einem von seinem winzigen Herzen fällt, weil man sich doch nicht zehn Jahre komplett irrte.

Paar Tage später erhielt ich mein Großes Latinum mit einer überraschend guten mündlichen Leistung und stellte mich auf die mündliche Abiturprüfung ein, die zwar nicht zufriedenstellend war, aber mir die Note einbrachte, die ich für den besseren Schnitt brauchte. Kurz darauf ging es zum Hurricane-Festival mit drei Freund*innen und in derselben Woche suchte ich Schuhe und Outfits zusammen für die Zeugnisausgabe. Ich schloss mit 1,5 ab und war noch nie so stolz. Der eigene Leistungsdruck ist der schlimmste. 1,5 – das ist nur eine Dezimalzahl, die eigentlich nicht viel über eine Person aussagt. Notenschnitte sollten generell nichts bestimmen. Tun sie allerdings doch und es ist so schwer, davon loszukommen, wenn man ihnen so viel Bedeutung beimisst wie ich die Jahre zuvor. Für mich stehen diese 1,5 für die ganzen Tiefen, aus denen ich mich wieder rausziehen und weitermachen konnte, aufgab und resignierte, und wieder weitermachte.

 

Juli

Abiball. Es war nicht ganz so sentimental, wie ich es auf den letzten 5 Abibällen erlebte. Aber es war mein Abiball mit all den Leuten um mich herum, die mir wichtig waren. Es war ein schöner Abschluss mit meinem Jahrgang, aber kein endgültiger mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wir gingen wieder in Kneipen, ich war fast jeden Abend in einer, und dann bereitete ich mich auf Thailand vor.

 

August

Thailand. Obwohl ich noch nie zuvor dort war, kam mir mit dem ersten Schritt in dieses Land alles unheimlich bekannt und vertraut vor. Die Gerüche, das Klima, die Geräusche – ich bekam eine leichte Reizüberflutung, erinnerte mich so vieles daran an Vietnam. Zu viert fuhren wir mit allerlei Verkehrsmittel quer durch’s Land. Reger Straßenverkehr, rutschige Naturparks, abgeschiedene Dörfer, traumhafte Strände mit Welpen, atemberaubende Tempelruinen, frei rumlaufende Affen, scharfes Essen, unzählige Mückenstiche, dubiose Windpocken, wunderschöne Nachtmärkte. Meinen 19. Geburtstag verbrachte ich in einem Zug zwischen Ayutthaya und Khon Kaen. Meine alte Brille befindet sich irgendwo auf einer kleinen thailändischen Insel. Ich lief eine Woche kurzsichtig umher, erkannte nur durch meine Kamera etwas.

 

September

Wieder angekommen in Deutschland ging es gerade mal zwei Tage später schon nach Thüringen. Für mein FSJ Kultur musste ich bereits früher weg und verabschiedete mich kaum richtig von meinen Freund*innen. Stattdessen zog ich zu C., lebte mich langsam ein, besuchte ein Seminar über Stiftungen und war eine Woche lang bei den Highlights der Physik dabei.

 

Oktober

Der Alltag normalisierte sich. Ich bereitete mich auf meine erste Führung vor und erledigte andere Aufgaben. Alle zwei Wochen fuhr ich nach Hause, meist weil es entweder von den Feiertagen her gut passte, aber auch, weil ich Arzttermine hatte.

 

November

Mein erstes Bildungsseminar im Rahmen des FSJ. Ich lernte viele Leute kennen, die ich schon bald wiedersehen werde, hielt allerdings kaum Kontakt aufrecht. Ich fuhr ständig zu anderen Arztterminen, verbrachte jede Woche einen Tag lang über 7 Stunden im Zug und konnte mich sehr darüber aufregen.

 

Dezember

Ich machte einige Führungen mit Schulklassen, fuhr weiterhin 7 Stunden jeweils zum Arzt, bekam endlich, wenn auch mit Komplikationen, meinen Zahn und bin für längere Zeit wieder zu Hause. Treffe Freunde und habe das Gefühl, dass eigentlich alles wie immer ist, sich nur wenig verändert hat und hoffe, dass das bleibt.

Für nächstes Jahr weiß ich zumindest, was ich will und ich bin gespannt. Auf alle Fälle bin ich sehr froh, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Denn 2015 war in erster Linie das Jahr der Regenerierung. 2014 laugte mich auf derart verzehrende Weise aus, dass ich erst einmal wieder lernen musste, wie man aufsteht und vor allem stehen bleibt. Ich wollte nicht von einer wichtigen Lebensphase zur anderen springen – noch gerade die Orientierung wieder gefasst zu haben, um sie im nächsten Moment dann doch zu verlieren. Ich kann mich wieder für Dinge begeistern, mich für Sachen interessieren abseits von Schule, Prüfungen und Noten. Meine Tage verlaufen stressfrei, ohne jeglichen Leistungsdruck, frei von Versagensängsten und vor allem habe ich nicht mehr das Gefühl, erdrückt zu werden. Endlich stehen bleiben. Luft holen. Ich fühle mich frei. Ich habe das erste Mal seit zwei Jahren wieder das Gefühl, wirklich zu fühlen.

 

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